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Schüler und Offiziere des Heeres ehren Opfer der Wehrmachtsjustiz

Am ehemaligen Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna wird jedes Jahr im Januar der Opfer der Wehrmachtsjustiz gedacht
Am ehemaligen Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna wird jedes Jahr im Januar der Opfer der Wehrmachtsjustiz gedacht (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Kelm)Größere Abbildung anzeigen
Torgau/Sachsen, 11.03.2019, Bundeswehr.

Leutnant Max Arno Bischoff hat als Wehrmachtsoffizier der Reserve im August 1944 eine für ihn folgenschwere Entscheidung getroffen: Er widersetzte sich einem Befehl, um das Leben seiner Soldaten und zahlreicher französischer Zivilisten zu schonen. Die Wehrmacht inhaftierte ihn dafür im sächsischen Torgau. Am 25. Januar ist dort eine Sonderausstellung eröffnet worden, die an das Leben von Arno Bischoff erinnert.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges befanden sich im sächsischen Torgau zwei Wehrmachtsgefängnisse – Fort Zinna und Brückenkopf. Dort wurden unter anderem verurteilte Soldaten, Deserteure sowie Wehrdienst- und Befehlsverweigerer inhaftiert. Schüler des Johann-Walter-Gymnasiums in Torgau haben zusammen mit dem Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und der Offizierschule des Heeres (OSH) eine Ausstellung über den ehemaligen Leutnant Arno Bischoff gestaltet. Bischoff war vor 75 Jahren in Torgau wegen Befehlsverweigerung inhaftiert.

Gymnasiasten konzipieren die Ausstellung

Die Schüler präsentieren Oberst Michael Burkhardt (l.) und Steffen Knoll (M.), Enkel von Arno Bischoff, sowie Eva-Maria Stange (in Rot) und Elisabeth Kohlhaas (r.) die Ausstellung
Die Schüler präsentieren Oberst Michael Burkhardt (l.) und Steffen Knoll (M.), Enkel von Arno Bischoff, sowie Eva-Maria Stange (in Rot) und Elisabeth Kohlhaas (r.) die Ausstellung (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Kelm)Größere Abbildung anzeigen

Die Ausstellung „Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben“ zeigt das Leben von Leutnant Arno Bischoff. Dafür nutzten die Schüler Dokumente aus dem Archiv des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, zum Beispiel Bischoffs Feldpostbriefe. Die Jugendlichen konzipierten die Ausstellung selbst.

„Ich freue mich sehr über die Würdigung, denn damit wird ein Soldat geehrt, der nach seinem Gewissen handelte“, sagt Steffen Knoll, der Enkel von Leutnant Bischoff. „Nicht alle Wehrmachtsoffiziere waren Verbrecher. Arno Bischoff steht stellvertretend auch für andere Soldaten und Offiziere, die in schwierigster Zeit für Ehre, Vaterland und Menschlichkeit einstanden“, so Knoll.

Ehrendes Gedenken an Bischoff

Oberst Michael Burkhardt und der französische Verbindungsoffizier Oberst Michel Schmitt ehren Arno Bischoff und legen einen Kranz in Torgau nieder
Oberst Michael Burkhardt und der französische Verbindungsoffizier Oberst Michel Schmitt ehren Arno Bischoff und legen einen Kranz in Torgau nieder (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Kelm)Größere Abbildung anzeigen

Mit einer Gedenkveranstaltung im DIZ Torgau wurde die Ausstellung eingeweiht. Zur Feier kamen unter anderem Eva-Maria Stange, sächsische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, und Oberst Michael Burkhardt, Lehrgruppenkommandeur der Offizierschule des Heeres in Dresden. Zusammen mit Oberst Michel Schmitt, dem französischen Verbindungsoffizier an der Offizierschule des Heeres, legte Burkhardt einen Kranz nieder.

Eva-Maria Stange, die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst (l.), erinnert in einer Rede an die Opfer nationalsozialistischer Militärjustiz
Eva-Maria Stange, die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst (l.), erinnert in einer Rede an die Opfer nationalsozialistischer Militärjustiz (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Kelm)Größere Abbildung anzeigen

Die Ausstellung kann noch bis zum15. März im Johann-Walter-Gymnasium besucht werden. Bis September wird sie dann im Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau gezeigt (siehe unten).

Das Leben eines Widerständlers

Diese Montage mit einem Foto Arno Bischoffs, ist Teil eines Banners, das die Offizierschule des Heeres in Dresden 2018 anfertigte
Diese Montage mit einem Foto Arno Bischoffs, ist Teil eines Banners, das die Offizierschule des Heeres in Dresden 2018 anfertigte (Quelle: Archiv StSG/DIZ Torgau)Größere Abbildung anzeigen

Arno Bischoff wurde am 11. Januar 1903 in Koselitz bei Großenhain in Sachsen geboren und trat im September 1924 in die Reichswehr ein. Dies war während der Weimarer Republik und der ersten Jahre des „Dritten Reichs“ von 1921 bis 1935 der offizielle Name der deutschen Streitkräfte, die in jener Zeit als Berufsarmee organisiert waren. Am 3. August 1944 trafen Bischoff und 70 seiner Soldaten in der Bretagne in Frankreich auf Amerikaner. Ohne Verluste zu erleiden, gelang es Leutnant Bischoff, seine Männer bis in die Ortschaft La Gacilly zu führen. Daraufhin kam es in den Straßen der kleinen Stadt zu mehreren Schusswechseln mit der französischen Résistance. Bischoff befahl seinen Soldaten nach La Roche-Bernard auszuweichen. Zur damaligen Zeit stand im besetzten Frankreich in einem Befehl für deutsche Soldaten, dass Städte und Häuser, in denen Widerstandskämpfer vermutet wurden, niederzubrennen sind. Doch um das Leben seiner eigenen Leute und das der Einwohner zu schützen, entschied sich der Leutnant dagegen.

Degradiert wegen einer Gewissensentscheidung

„Mein Opa wusste um die Konsequenz seiner Entscheidung. Damit bewies er Mut und Menschlichkeit, das war nicht alltäglich damals“, erzählt Steffen Knoll. Der 55-Jährige ist Schwimmmeister an der Offizierschule des Heeres und hat das Leben seines Großvaters dokumentiert. „Als Kind war ich oft bei meiner Oma, der Ehefrau von Arno Bischoff. Ich erinnere mich, dass sie manchmal unvermittelt weinte. Heute weiß ich, dass sie um ihren Mann Arno Bischoff, der seit den Fünfzigerjahren als vermisst gemeldet wurde, trauerte“, sagt er in einem Interview.

Im Sommer 1944 wurde Arno Bischoff seine Entscheidung nur wenige Tage später zum Verhängnis, als einer seiner Soldaten ihn an die Wehrmachtsjustiz verriet. Bischoff wurde zu drei Jahren Haft im Torgauer Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna verurteilt. Das Urteil lautete „Dienstpflichtverletzung“. Nach einigen Monaten wurde der degradierte Soldat mit einer Bewährungseinheit nach Polen an die Ostfront geschickt. Im Januar 1945 gab es eine offizielle Vermisstenmeldung von Arno Bischoff. Ab diesem Zeitpunkt verliert sich seine Spur endgültig, seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Teil der Traditionspflege an der Offizierschule

Bereits 2016 erinnerte die Bundeswehr an Arno Bischoff, als der 52., 53., und 54. Offizierlehrgang des Militärfachlichen Dienstes der Offizierschule des Heeres in Dresden nach ihm benannt wurden. Diese Ehre wurde unter anderem auch Männern wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg zuteil.

„Die Offizierschule des Heeres verleiht seit 2004 Jahrgangsnamen an ihre Offizieranwärterjahrgänge. Damit soll das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und die Traditionspflege gefördert werden. Arno Bischoff wurde von den Offizieranwärtern des Offizierlehrgangs Militärfachlicher Dienst 2016 zum Namenspatron gewählt“, erklärt Oberstleutnant Holger Hase, Militärhistoriker und Traditionsbeauftragter der Offizierschule des Heeres. Er ergänzt: „Ich habe mich damals sehr über diese Entscheidung gefreut, da ein Offizier ausgewählt worden ist, der nicht zu den bekannten und prominenten Persönlichkeiten des Widerstandes im Dritten Reich zählt, sondern der aus einer persönlichen Gewissensentscheidung heraus gehandelt hat. Das hat vorbildhaften Charakter für unseren Führungskräftenachwuchs“, so Oberstleutnant Hase.


Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung ist bis zum 15. März werktags im Johann-Walter-Gymnasium, Schlossstr. 7-9, in 04860 Torgau, zu sehen.
Um Voranmeldung unter Tel. 03421-73 79 90 wird gebeten.
Vom 1. April bis zum 9. September 2019 kann die Ausstellung
„Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben“ im Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau, Schloss Hartenfels, Flügel B, Schlossstraße 27, in 04860 Torgau, besucht werden.
Das Schloss ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.
Der Zugang erfolgt über die Dauerausstellung „Spuren des Unrechts“ in der 3. Etage. Eine Führung ist auf Anfrage möglich.

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Stand vom: 26.03.2019 | Autor: Anna Peters/Cornelia Riedel


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