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Kalender Heer 2018 - Faszination Heer

Story zum Mai

Der letzte Flug der 18

Kalenderblatt - Mai 2018
Kalenderblatt - Mai 2018 (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Nach fast 40 Jahren ist im Dezember 2016 eine Ära im Deutschen Heer zu Ende gegangen: Die Bundeswehr stellte die letzten 18 Panzerabwehrhubschrauber vom Typ Bo-105 außer Dienst. Die Redaktion deutschesheer.de hatte die bewährten Helikopter bei ihrem letzten Start begleitet.

Bedächtig nähert sich Oberstleutnant Sascha Ferdinand seinem Hubschrauber. Man spürt seine Wehmut. Immer langsamer werden seine Schritte – als solle dieser Weg niemals enden. An der Bo-105 angekommen, macht der erfahrene Pilot und Fluglehrer, was er schon unzählige Male getan hat: Bordbuch kontrollieren, Sichtkontrolle um den Hubschrauber herum, prüfen, ob Kraftstoff aufgefüllt ist. Doch diese Vorflugkontrolle ist eine besondere. Es ist seine letzte an diesem Hubschrauber.

„2.750 Flugstunden habe ich mit diesem Flugmuster absolviert“, sagt der 45-jährige Ferdinand. Nicht nur er wird an diesem Tag das letzte Mal vom Flugplatz im niedersächsischen Celle abheben. 17 weitere Hubschrauber warten auf dem Flugfeld. Genau hier, wo die militärische Nutzung der Bo-105 vor 43 Jahren begann, soll sie auch enden.

Celle – Wiege der PAH der Bundeswehr

Die Heeresflieger der Bundeswehr haben den kleinen, robusten und gut steuerbaren Helikopter 37 Jahre lang als Verbindungs- und Beobachtungshubschrauber genutzt, vor allem aber als Panzerabwehrhubschrauber (PAH). Erste Versuche zur Panzerabwehr aus der Luft waren bereits in den Jahren 1961 bis 1963 erfolgt. Sie hatten die Wirksamkeit der PAH bewiesen. 1970 begann die Bundeswehr zu untersuchen, wie sich die Bo-105 militärisch nutzen ließe. Im selben Jahr erhielt der zivile, leichte Mehrzweckhubschrauber Bölkow Bo-105 die Musterzulassung durch das Luftfahrt-Bundesamt und konnte in Serie gefertigt werden.

Mit der Aufstellung einer Versuchsstaffel PAH im niedersächsischen Celle begann für die Heeresflieger der neue Auftrag. Die PAH waren fliegende Waffensysteme, die gemeinsam mit den Kampftruppen operieren und sie für eine begrenzte Zeit unterstützen sollten. Für die jüngste Truppengattung des Heeres war dies eine deutliche Veränderung.

Bis dahin unterstützten die Heeresfliegerstaffeln die Truppe mit Transport-, Verbindungs- und Beobachtungsflügen im Gefechtsstreifen. Nun aber sollten sie die Bodentruppen verstärken. Als Reaktion auf die zahlenmäßige konventionelle Überlegenheit des Warschauer Paktes hatte die NATO ihren Schwerpunkt auf die Panzer- und Flugabwehr gelegt. Aufgabe der Bundeswehr war es, das Bündnisgebiet so weit vorne wie möglich zu verteidigen, da Westdeutschland sehr schmal war. Ein Verzögerungsgefecht, also Raum gezielt aufzugeben und damit Zeit zu gewinnen, war nicht möglich. Die NATO-Verteidigungspläne konzentrierten sich auf die innerdeutsche Grenze. Dabei kam es darauf an, die gegnerischen Panzerspitzen möglichst frühzeitig und effektiv zu bekämpfen.

Im Tiefflug zur Front

Die Einsatzgrundsätze der PAH waren innovativ: Etwa 60 Kilometer von der Verteidigungslinie entfernt befand sich der Verfügungsraum einer fliegenden Staffel und ihrer Versorgungseinheiten. Von hier aus startete jede Operation. Im Tiefflug erkundeten die Besatzungen Stellungen, die sich für die Bekämpfung gepanzerter Ziele eigneten.

Wenige Kilometer von der Front entfernt betrieben die Versorgungsstaffeln weitere gut getarnte Versorgungspunkte. Hier konnten die PAH noch einmal Betriebsstoff und Munition aufnehmen. Die hohe Beweglichkeit der Hubschrauber erlaubte es, die Panzerabwehr der vorn eingesetzten Kampftruppen über größere Entfernungen und Hindernisse hinweg rasch zu verstärken.

Zum Einsatz wären die Hubschrauber allerdings nur über eigenem Gelände gekommen. Das lag an der hohen Verwundbarkeit der PAH – die Hubschrauber sind nicht gegen Beschuss geschützt. Deshalb sollten die Soldaten immer die volle Reichweite ihrer Waffen ausnutzen – bei den HOT-Lenkflugkörpern betrug sie 4.000 Meter. Der Kommandant blickte durch ein Linsensystem, das eine 3,2-fache und 10,8-fache Vergrößerung ermöglichte, und dirigierte den drahtgesteuerten Lenkflugkörper mit einem Joystick ins Ziel. Der Pilot hielt den Hubschrauber währenddessen im Schwebeflug. Nach jedem Schuss wechselten die Hubschrauber die Stellung.

Bo-105: zuverlässig und wartungsarm

Bis zuletzt setzte die Bundeswehr die Bo-105 als Verbindungs- und Schulungshubschrauber ein. Ferdinand betreute junge Piloten nach ihrer fliegerischen Grundausbildung. Von ihm lernten sie, mit der Bo-105 umzugehen. Danach standen Nachtflüge auf dem Lehrplan sowie die taktische Flugausbildung. Sie umfasste das Fliegen von Aufklärungsmissionen, aber auch den Transport und das Absetzen von Personal in Landezonen.

Außerdem brachte Ferdinand seinen Flugschülern bei, wie man mit mehreren Hubschraubern in der Rotte oder im Schwarm fliegt. Hier konnte er auch auf seine Erfahrungen als Pilot und Kommandant eines Panzerabwehrhubschraubers zurückgreifen. Auch Einsatzerfahrung konnte er mit dem Hubschrauber sammeln: 2002 war er in Bosnien stationiert. Er hat die Bo-105 schätzen gelernt. „Der Hubschrauber ist enorm zuverlässig und wartungsarm“, sagt er. Ohne störanfällige Schlag- und Schwenkgelenke gebaut, war der Hauptrotor aus Titan und Verbundwerkstoffen seinerzeit eine revolutionäre Neuerung. Auch deshalb hatten die Heeresflieger die Maschine als Panzerabwehrhubschrauber ausgewählt.

Nach über 1,3 Millionen Flugstunden ist die Zeit der Bo-105 beim Deutschen Heer vorbei. Auch für Oberstleutnant Ferdinand geht ein wichtiger beruflicher Abschnitt zu Ende: „Mit der Außerdienststellung und Auflösung der Teileinheit 900 werde ich ebenfalls versetzt“, erzählt er. In seiner neuen Verwendung wird er der Fliegerei trotzdem weiter verbunden bleiben. Künftig wird er seine fliegerischen Kenntnisse beim Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit in Celle einbringen. Die außer Dienst gestellten Hubschrauber werden durch das Verwertungsunternehmen des Bundes verkauft. Sie kosten etwa 100.000 Euro pro Stück.

Auf dem Flugplatz in Celle starten Ferdinand und seine Kameraden die Triebwerke. Entgegen ihrer Einsatzgrundsätze wollen die Piloten bei ihrem letzten Flug gesehen werden. Er dauert 90 Minuten und führt sie in Formation zu den niedersächsischen Flugplätzen Wunstorf, Bückeburg und Hannover. Mit jeweils einem tiefen Überflug verabschieden sich die 18 letzten Bo-105 von der Truppe. Dann kehren sie auf den Flugplatz in Celle zurück und beenden so ihren Dienst für Deutschland.

Rezept gegen die Panzer des Warschauer Pakts

BEWEGUNGSGEFECHT
In den 1970er-Jahren griffen die Planer der Sowjetarmee ein Einsatzprinzip des Zweiten Weltkriegs wieder auf. Für tiefe Vorstöße bedienten sie sich einer sogenannten „Beweglichen Gruppe“. Innerhalb des Gefechts der verbundenen Waffen erhielt diese neue Gruppe den Namen „Operative Manövergruppe“. Hauptkampfmittel war der Kampfpanzer.

SCHWERPUNKTE
Zur weiteren Unterstützung der Operativen Manövergruppe gehörten auch mechanisierte Infanterie und Panzerartillerie. Das Grundprinzip dieser Einsatztaktik war es, dass nur erfolgreiche Angriffe in ihrer Richtung fortgesetzt und unterstützt werden sollten.

RESERVEN
Bei einem Angriff durch ein Regiment mit drei Bataillonen hieß das: Einzig jenes Bataillon wurde mit frischen Kräften unterstützt, das auf eine Schwachstelle in der gegnerischen Verteidigung traf. Auch wenn dies bedeutete, dass die anderen beiden Angriffsbataillone im Angriffsstreifen liegen blieben. Nur mit einer hohen Anzahl an Panzern in der jeweiligen Hauptkampfrichtung wäre diese Taktik erfolgreich gewesen. Dementsprechend war die Anzahl der konventionellen Waffensysteme des Warschauer Paktes doppelt, die Anzahl der Panzer und der Artillerie sogar vier- bis fünfmal so hoch wie die der NATO.

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Stand vom: 01.11.18 | Autor: PIZ Heer


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