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Die Geschichte der Artillerietruppe

Vorgeschichte – Antike bis 13. Jahrhundert:

Bereits in der Antike kannte man Waffen in Form von Wurfmaschinen (Katapulte, Bliden etc.), die als Vorläufer der Artillerie bezeichnet werden können. Diese komplizierten und schweren Belagerungsgeräte wurden meist nach Bedarf gebaut und verblieben im Anschluss an ihrer Wirkungsstätte. Die eigentliche Geschichte der Artillerie beginnt erst mit der Erfindung des Schießpulvers.

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Die Anfänge der Artillerie – 14. bis 16. Jahrhundert:

Die Geschichte der Feuerwaffen beginnt 1346 in der Schlacht von Crecy. Sechs Geschütze, die Eduard III. von England seinem Gegner Philipp von Balois entgegenstellte, sollen so unheimlich auf die Franzosen gewirkt haben, dass diese fluchtartig den Kampfplatz verließen. Dabei wurden Steinkugeln aus Geschützrohren verschossen. Außerdem verwendete man auch Pfeile, Steine oder Fässer mit Unrat.

1348 wurden in Frankfurt am Main mehrere Bronzebüchsen gegossen. Orgelgeschütze - auch als Totenorgeln bezeichnet - entstanden: Bis zu hundert kleinkalibrige Rohre, ähnlich den Pfeifen einer Orgel, wurden auf einer Lafette neben- und übereinander gelagert. Über eine Zündrinne miteinander verbunden, wurden sie nacheinander oder gleichzeitig abgefeuert. Als Geschosse kamen neben Bleikugeln auch Bolzen zum Einsatz.

Bald erschienen auch die ersten Geschütze in offenen Feldschlachten. Eine mehrfache Verwendung im Feldkrieg erfolgte erstmals in den Hussitenkriegen (1419-1436).
Zur Herstellung und Bedienung von Pulvergeschützen waren Kenntnisse aus verschiedenen Berufen erforderlich. Dies führte zur Herausbildung eines neuen Berufsstandes – des „Büchsenmeisters“. Die burgundischen Herzöge Philipp („der Gute“) und Karl („der Kühne“) bestellten sich Adlige als „Maitre d´Artillerie“. Hiermit wurde die Artillerie erstmals organischer Bestandteil eines Heeres. Der Name „Artillerie“ leitete sich vom lateinischen „Ars“ (Kunst) ab und beschrieb die Kunst des Schießens.

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Die Artillerie wird militärisch organisiert und standardisiert – 16. bis 18. Jahrhundert:

Hatten sich Büchsenmeister den kriegführenden Parteien zunächst durch Vertrag verpflichtet, so wurde die Artillerie im 15. Jahrhundert zunehmend von den Landesherren gefördert und institutionalisiert. Die Artillerie bekam Oberoffiziere und Stückleutnante. Die Ausbildung erfolgte an neu gegründeten Büchsenmeisterschulen.

Einachsige Räderlafetten mit zwei Rädern und einem einfachen Lafettenschwanz (Burgunderlafette) lösten die Laden-, Block- und Kastenlafetten ab. Dieses führte, verbunden mit der Einführung von Vorderwagen, den späteren Protzen, zu höherer Beweglichkeit der Geschütze. Die Erhöhung der Treffgenauigkeit durch die Einführung von Schildzapfen und Richtmaschinen ließ die Bedeutung der Artillerie auf dem Schlachtfeld steigen. Gleichwohl wurden die Geschütze noch nicht im geschlossenen Verband eingesetzt. Mathematische Berechnungen zu den wechselseitigen Abhängigkeiten von Geschützen und Geschossen gaben den entscheidenden Impuls für die weitere Entwicklung der Artillerie. Hier finden sich die Wurzeln der modernen Ballistik, der Waffen- und der Munitionstechnik.

Der Dreißigjährige Krieg, mit seinen vielen Schlachten, weiten Märschen und lang andauernden Feldlagern, richtete die Feldartillerie an neuen Grundsätzen aus. Mit jedem Feldzug des Dreißigjährigen Krieges erschienen mehr Geschütze auf dem Schlachtfeld. Gustav Adolf von Schweden war der erste Feldherr, bei dem man von einem sachgemäßen Artillerieeinsatz sprechen kann. Im 17. Jahrhundert verwendete man überwiegend Bronze als Gießmaterial für die Geschütze. Sie waren oft prunkvoll verziert. Auf dem Rohr stand häufig „Ultima ratio regis“ (Letztes Mittel des Herrschers).

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Die Artillerie im preußischen Heer – 18. und 19. Jahrhundert:

Erst mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Artillerie in alle Heere eingegliedert.
Mitte des 18. Jahrhunderts veränderte sich auch die preußische Artillerie. Friedrich der Große
fand bei seinem Regierungsantritt eine Artillerie vor, deren Geschützpark von General von Linger im Jahr 1731 auf vier Kaliber (3-, 6-, 12- und 24-Pfünder) reduziert worden war.
Drei- und Sechspfünder wurden Bataillons- oder Regimentsgeschütze genannt, da sie vor jedem Feldzug unter den Infanteriebataillonen zur unmittelbaren Feuerunterstützung aufgeteilt wurden. Die Artillerie war in eine Feldartillerieabteilung mit sechs Kompanien gegliedert und ihre Kopfstärke betrug 789 Mann. 1741 wurde eine weitere Abteilung aufgestellt und mit der ersten zu einem Feldartillerieregiment vereinigt. Bis zum Ende seiner Regentschaft wuchs die Artillerie auf vier Feldartillerieregimenter mit 43 Kompanien an. Die Stärke einer Kompanie betrug etwa 200 Mann.

Die Positionsgeschütze waren in Brigaden (entspricht etwa einer heutigen Batterie)
zu fünf bis zehn Geschützen zusammengefasst und bezogen vor der Schlacht Stellung auf Anhöhen. Die Schussentfernung betrug etwa 1200 bis 1500 Schritt (ca. 900 bis 1125 Meter) für alle Kaliber. Die Artillerie sollte möglichst schräg und flankierend in den Feind wirken. Man bemühte sich mit eisernen Vollkugeln die Lafettenräder der feindlichen Bataillonsgeschütze zu zerstören um so die gegnerische Artillerie auszuschalten. Auf Entfernungen bis zu 350 Schritt (ca. 250 Meter) wurden besonders Kavallerieattacken mit Kartätschenfeuer (Schrotladungen) abgewehrt. Schwere Geschütze wurden von bis zu sechzehn Pferden gezogen, die Kanoniere gingen zu Fuß. So bildete sich später auch der Name „Fußartillerie“ heraus. 1759 wurde die reitende Artillerie geschaffen, die ab 1772 ständiger Bestandteil des preußischen Heeres war. Sie gewann ihre höhere Beweglichkeit durch berittene Kanoniere.

Der rasante technologische Fortschritt im Zeitalter der Industrialisierung ermöglichte wegweisende Sprünge in der Waffentechnik. Die Ablösung der Glattrohrgeschütze durch Geschütze mit gezogenem, stählernem Rohr, die von hinten geladen wurden, begann etwa ab 1850. Reichweite und Treffgenauigkeit wurden durch den stabilisierenden Drall wesentlich gesteigert. Dadurch ergab sich die Notwendigkeit, die Feuerstellungen der Artillerie zu ihrem eigenen Schutz aus den vordersten Linien zu verlegen. Im Zuge der Entwicklung der Geschütze wurden auch die Munition und die Treibmittel grundlegend verbessert. Mit der Einführung des Zündhütchens wurden Geschosse mit Aufschlagzündern und vereinfachten Zeitzündern konstruiert. Statt der bisherigen Zündanfeuerung am Rohr durch die heißen Treibgase wurden jetzt Aufschlagzünder eingebaut. Beim Aufschlag der Granate schnellte ein Bolzen infolge seiner Trägheit nach vorne auf ein Zündhütchen, welches die Ladung zur Explosion brachte.

Das 1784 von dem englischen Leutnant Henry Shrapnel (1761 – 1842) erfundene Kugelschrapnell entwickelte sich zum Hauptkampfgeschoss gegen lebende, ungedeckte Ziele. Bei der Detonation des Geschosses wurde die äußere Hülle gesprengt und die Kugeln wurden aus dem Inneren des Geschosses wie Gewehrmunition gestreut. Um diese Wirkung zu steigern, wurde das Geschoss nicht beim Aufschlag, sondern über dem Ziel zur Explosion gebracht. Die Schrapnellgeschosse erhielten eine mit Verzögerung arbeitende Zündeinrichtung, die bereits beim Abschuss aktiviert wurde. Das Einstellen der Verzögerung nannte man „tempieren“. Die Splittergranaten der Artillerie entwickelten sich zum gefährlichsten Kampfmittel auf den Schlachtfeldern. Diese Erkenntnis führte zur bevorzugten Weiterentwicklung von Geschossen größerer Reichweite, besserer Wendigkeit und höherer Feuergeschwindigkeit

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Die Artillerie im Ersten Weltkrieg

Alle Kriegsgegner hatten bis zum Ausbruch des Krieges ihre Artillerien stark aufgerüstet. Organisatorisch wurde in Deutschland die Trennung in leichte Feld- und schwere Fußartillerie vollzogen.

Die anfängliche französische Überlegenheit beruhte auf einer Feldartillerie, die mit der modernen 75 Millimeter Feldkanone M/97 der französischen Firma Schneider ausgerüstet war. Es war das erste Rohrrücklaufgeschütz mit Schutzschilden. Das Geschütz entwickelte eine ballistische Leistung, die wesentlich größer war, als die seines deutschen Gegenstücks. Die M/97 war an Feuergeschwindigkeit derart überlegen, dass die Geschützzahl pro Batterie von sechs auf vier herabgesetzt werden konnte. Die verbesserte Schießleistung ermöglichte zudem die Verringerung der Bedienungsmannschaft.

Die Deutschen setzten auf die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer 3.500 mittelschweren 105 mm und 2.000 schweren 150 mm Geschütze. Darüber hinaus verfügten sie über Geschütze bis zu einem Kaliber von 420 mm („Dicke Berta“). Deren Geschosse wogen fast eine Tonne und waren in der Lage, die stärksten Befestigungswerke zu sprengen. Dies gelang zum Beispiel mit einem Volltreffer in das Munitionslager der belgischen Festung Lüttich.

Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der Artillerie war die Einführung der Schusstafel durch den späteren General Georg Bruchmüller. Diese verkürzte das Einschießen und erhöhte die Leistungsfähigkeit im indirekten Feuern. Weitreichende Geschütze sollten Ziele tief im Hinterland bekämpfen. So wurden auf beiden Seiten Eisenbahngeschütze mit Reichweiten von 30 bis 40 Kilometer entwickelt. In Deutschland erreichte man den Höhepunkt dieser Entwicklung mit dem „Paris-Geschütz“. Vom 23. März bis zum 12. August 1918 wurden mit ihm aus einer Entfernung von 127 Kilometern, etwa 360 Schuss auf das Stadtgebiet von Paris abgefeuert. Die Streuung der Einschläge war jedoch so groß, dass ein Einsatz des „Paris-Geschützes“ gegen weit entfernte Punktziele kaum in Frage kam. Die 289 Treffer in Paris lagen in einem Bereich von drei Kilometern Breite und 15 Kilometern Tiefe.

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Die Artillerie im Zweiten Weltkrieg

Die Masse der deutschen Artillerie war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch pferdebespannt. Nur die Artillerie der wenigen motorisierten Divisionen und der Panzerdivisionen, die Korps- und Heeresartillerie sowie die Beobachtungsabteilung waren motorisiert. Das beweglich geführte Gefecht gepanzerter Kräfte führte zwangsläufig zur Entwicklung und Einführung der Panzer- und der Sturmartillerie. Diese waren den Infanterie- und Panzerdivisionen zugeteilt und sollten im Verbund die Kampftruppen begleiten und unmittelbar unterstützen. Diese Sturmgeschütze waren gepanzerte Vollkettenselbstfahrlafetten, die Geschützrohre zum direkten Richten mit geringem Schwenkbereich, also ohne Turm trugen. Sie standen dem System nach zwischen Artillerie und Panzerwagen. Eingesetzt wurden sie im Kampfschwerpunkt der Infanterie.

Im Verlauf des Krieges wurden immer mehr Geschütze mit großem Kaliber und hoher Reichweite entwickelt. Sie sollten an die Tradition der 420 Millimeter Mörser und der „Paris-Geschütze“ des Ersten Weltkriegs anknüpfen und zum Bekämpfen starker Befestigungsanlagen, wie der Maginot-Linie und zum Beschuss Englands dienen. Als Beispiel sei das Eisenbahngeschütz „K5“, Kaliber 209 Millimeter genannt. Der enorme Aufwand an Personal, die maximale Rohrbelastung von 120 Schuss und die immer noch sehr große Streuung standen jedoch in keinem Verhältnis zum Erfolg.

Höhepunkt dieser Entwicklung war das Eisenbahngeschütz „Dora“, das 1937 in Auftrag gegeben wurde. Es war so hoch wie ein dreigeschossiges Haus, fast 30 Meter lang, 1.350 Tonnen schwer und die 47,3 Meter lange Lafette war auf 40 Achsen verteilt. Das Rohr war 32,5 Meter lang, wog 400 Tonnen und konnte bis auf 58 Grad erhöht werden. Mit einem Kaliber von 800 Millimeter und einem Geschossgewicht von bis zu 7.000 Kilogramm mit 250 Kilogramm Sprengstoff lag die Reichweite bei maximal 37 Kilometern. Die Feuergeschwindigkeit lag bei drei Schuss pro Stunde. Geschoss und Kartusche hatten eine Länge von 7,80 Meter. Für die Bedienung waren einschließlich Sicherungstruppen 4.400 Mann erforderlich.

„Dora“ kam ein einziges Mal, 1942 beim Beschuss der Festung Sewastopol auf der Halbinsel Krim, zum Einsatz. Zur Vorbereitung ihrer Feuerstellung bauten 2.500 Mann einen Monat lang einen natürlichen Erdwall aus. Anschließend verlegten Eisenbahnpioniere mehrere Kilometer Zuführgleise und die beiden parallel laufenden Geschützaufbaugleise einschließlich Schießkurve. Insgesamt feuerte „Dora“ 48 Schuss, dann war der Munitionsvorrat erschöpft. Immerhin lagen zehn der 48 Schuss näher als 60 Meter zum Ziel. „Dora“ erzielte beispielsweise einen Wirkungstreffer in einem Munitionslager 30 Meter unter der Erdoberfläche. Gleichzeitig kamen auch die schweren Mörser „Karl“ und „Thor“ zum Einsatz, so dass auf deutscher Seite 26.000 Tonnen Artilleriemunition verfeuert wurden.
Deutsche Techniker hatten mit diesen Geschützen eine hoch zu bewertende Konstruktionsleistung erbracht. Der taktische Erfolg blieb aber einer derartigen Entwicklung, die an den Grenzen des Möglichen lag, versagt.

Als Flächenfeuerwaffen kamen erstmals Raketenwerfer, sogenannte „DO-Geräte“ (benannt nach General Walter Dornberg), zum Einsatz. Verglichen mit Geschützen waren die Geräte sehr leicht und beweglich, die Munition war dagegen recht schwer und schwierig zu transportieren. Die Streuung war erheblich, die Schussweite noch relativ gering. Den größten Bekanntheitsgrad erlangte das sowjetische Waffensystem „Katjuscha“. Der Raketenwerfer, der auf der Ladefläche eines Lastkraftwagens montiert war, kam in großer Stückzahl zum Einsatz. Er war gefürchtet und wurde im Landserjargon „Stalinorgel“ genannt.

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Stand vom: 11.03.17 | Autor: PIZ Heer


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