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Nationaler Startschuss für British Army Staff Ride 2018 in Potsdam

Beim Auftaktseminar für den British Army Staff Ride 2018 in Potsdam treffen die Teilnehmer aus Heer, Sanitätsdienst und Streitkräftebasis erstmals zusammen
Beim Auftaktseminar für den British Army Staff Ride 2018 in Potsdam treffen die Teilnehmer aus Heer, Sanitätsdienst und Streitkräftebasis erstmals zusammen (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen
Potsdam/Brandenburg, 24.09.2018.

Mit dem ersten Treffen der deutschen Teilnehmer hat die „heiße Phase“ des diesjährigen British Army Staff Ride begonnen. Am 20. und 21. September legten die 13 Stabsoffiziere und zwei Militärhistoriker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam mit einem Seminar den Grundstein zur Reflexion der letzten alliierten und deutschen Operationen an der Westfront des Ersten Weltkrieges.

Ziel des Auftaktseminars war es, die Teilnehmer aus dem Heer, der Streitkräftebasis und dem Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr auf einen gemeinsamen Wissensstand bezüglich der Lage, der Operationsführung, der Bewaffnung sowie weiterer bestimmender Faktoren im Kriegsjahr 1918 zu bringen.
Nach der Begrüßung durch den Kommandeur des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), Kapitän zur See Jörg Hillmann, eröffnete der Leiter der deutschen Delegation, Oberstleutnant i.G. Dieter Theodor Beckers, die zweitägige Veranstaltung mit einer Vorstellungsrunde.

Bunte Truppe geschichtsinteressierter Stabsoffiziere

Konzentriert verfolgen die Teilnehmer die Vorträge zu den Themenfeldern des Ersten Weltkrieges
Konzentriert verfolgen die Teilnehmer die Vorträge zu den Themenfeldern des Ersten Weltkrieges (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen

Die deutsche Delegation, die im Oktober zunächst nach England und anschließend nach Frankreich reisen wird, setzt sich nicht nur aus Historikern zusammen. Vielmehr sind es geschichtlich interessierte Soldaten im Dienstgrad Hauptmann bis Oberstleutnant, die die Geschehnisse an den Originalschauplätzen der letzten Operationen an der Westfront des Ersten Weltkrieges reflektieren und daraus Lehren für die heutige Operationsführung ziehen wollen. Ihre Expertise, resultierend aus ihrem dienstlichen Hintergrund als Fallschirmjäger-, Pionier-, Panzer-, Artillerie-, Logistik- und Sanitätsoffizier, bildet für den deutschen Anteil am Staff Ride 2018 eine wertvolle Grundlage.

„Ein Glücksfall für uns ist die Teilnahme von Major Daniel Calthorpe, Fallschirmjägeroffizier der British Army und Austauschoffizier beim Kommando Heer. Seine Erfahrung und Sichtweise von britischer Seite stellt eine wesentliche Ergänzung unseres Teams dar. Mit ihm begleitet uns ein Stabsoffizier, der die Geschehnisse im Ersten Weltkrieg sowie die daraus resultierenden Lehren für die British Army von heute kompetent einordnen kann“, stellte Delegationsleiter Beckers fest.

Den militärhistorischen Hintergrund bringen Dr. Markus Pöhlmann und Oberstleutnant Dr. Christian Stachelbeck, beide promovierte Historiker am ZMSBw, mit. Sie fungieren als Syndicate Historians, also als wissenschaftlich- militärhistorische Kompetenzen, im deutschen Team.

Historiker setzen die Grundlagen

Oberst Gerhard P. Groß (stehend), Leiter des Bereichs „Deutsche Militärgeschichte bis 1945“ am ZMSBw trägt zur Realität der Kriegführung 1917/18 vor
Oberst Gerhard P. Groß (stehend), Leiter des Bereichs „Deutsche Militärgeschichte bis 1945“ am ZMSBw trägt zur Realität der Kriegführung 1917/18 vor (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen

Zunächst brachte Oberst Dr. Gerhard P. Groß, Leiter des Bereichs „Deutsche Militärgeschichte bis 1945“ am ZMSBw, die Soldaten über „die Realität der Kriegführung 1917/18“ auf Stand. Dabei ging er insbesondere auf die Geschwindigkeit der Waffenentwicklung sowie auf die Struktur des deutschen Offizierkorps ein. „Die hohen Verluste insbesondere bei jüngeren Offizieren während der Angriffe in den Jahren 1914 und 1918 zwangen die Unterführer vermehrt in Führungsaufgaben an der Front.“

Oberstleutnant Christian Stachelbeck, Historiker am ZMSBw, beleuchtet in seinem Vortrag Mythos und Wirklichkeit der Auftragstaktik
Oberstleutnant Christian Stachelbeck, Historiker am ZMSBw, beleuchtet in seinem Vortrag Mythos und Wirklichkeit der Auftragstaktik (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen

Darauf aufbauend referierte Oberstleutnant Dr. Christian Stachelbeck, ebenfalls Militärhistoriker beim ZMSBw, über „Mythos und Wirklichkeit der Auftragstaktik im Deutschen Heer bis 1918“. Er stellte fest, dass die Auftragstaktik keinesfalls als Siegeskonzept gesehen werden könne. Vielmehr sei sie das Ergebnis militärischer Notwendigkeiten wie neuer Waffen und die entstandenen größeren Räume der militärischen Operationen gewesen.

Oftmals gefährdete die Auftragstaktik sogar durch die „vermeintliche Freiheit der Entscheidung“ auf taktischer Ebene größere Operationsplanungen. Andererseits gelangen durch die nun vorhandene Kenntnis der „Absicht der übergeordneten Führung“ und das entsprechend lagebezogene Handeln auf mittlerer und unterer Ebene auch große Erfolge.

Oberstleutnant Jan Reichmann (stehend): „Das deutsche Heer glich einem Boxer, der nur noch Schläge einsteckte, aber sich weigerte den klaren K.O. einzugestehen“
Oberstleutnant Jan Reichmann (stehend): „Das deutsche Heer glich einem Boxer, der nur noch Schläge einsteckte, aber sich weigerte den klaren K.O. einzugestehen“ (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen

Oberstleutnant Dr. Jan Reichmann, ebenfalls Historiker und Mitglied der deutschen Delegation, schilderte in seinem Vortrag „die operative Entwicklung an der Westfront von März bis November 1918“. So sei das erste Halbjahr noch durch deutsche Angriffe geprägt gewesen. Hier hob er insbesondere die „Operation Michael“ und die Zweite Marne-Schlacht – die letzte deutsche Angriffsoperation im Ersten Weltkrieg – heraus. Das Ergebnis: Die Kraft der deutschen Offensiven erlahmte nach knapp fünf Monaten und kostete etwa 480.000 Tote, Verwundete und Vermisste.

Danach ging das kaiserliche Heer in die Verteidigung über. Der 8. August 1918, Beginn der „Hunderttageoffensive“ der Ententemächte, ging als „Schwarzer Tag des Deutschen Heeres“ in die Geschichte ein. Hier machten die Alliierten allein am ersten Tag rund 20.000 deutsche Gefangene. Danach begann der Rückzug der Deutschen. Reichmann verglich das deutsche kaiserliche Heer „mit einem Boxer, der nur noch Schläge einsteckte, sich aber weigerte, den klaren K.O. einzugestehen“. Er zitierte zudem aus dem Buch von Oberst Groß: „Das Deutsche Heer hatte sich zu Tode gesiegt.“

Jetzt sind die Teilnehmer am Zug

In Kurzvorträgen gehen die Teilnehmer auf Details des deutschen kaiserlichen Heeres ein
In Kurzvorträgen gehen die Teilnehmer auf Details des deutschen kaiserlichen Heeres ein (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen

Nach den Historikern folgten an beiden Tagen die Kurzvorträge der Mitglieder des deutschen Teams. So wurden „das Gefecht der Verbundenen Waffen im Angriff“, „Bewaffnung und Kampfweisen der Infanterie“, „die elastische Verteidigung“ als eine Entwicklung der Gefechtsart Verteidigung, „die Gliederung der deutschen Infanteriedivisionen im Ersten Weltkrieg“ sowie die Artillerie mit „der Herrschaft der Kanonen“, „der Sanitätsdienst“ und „die Logistik im ersten Weltkrieg“ näher beleuchtet.

Oberstleutnant Dirk Steinsiek, deutscher Delegationsleiter beim British Army Staff Ride 2016 in Frankreich, berichtete über Erfahrungen und Folgerungen aus der Teilnahme an der Reflexion der Schlacht an der Somme vor zwei Jahren. Mit diesen Erkenntnissen sei man für den kommenden Staff Ride „gut aufgestellt“.

Major Daniel Calthorpe (l.) stellt klar, dass das britische Militär trotz „Brexit“ in Europa präsent bleibe
Major Daniel Calthorpe (l.) stellt klar, dass das britische Militär trotz „Brexit“ in Europa präsent bleibe (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen

Der britische Major Daniel Calthorpe berichtete abschließend über die Struktur, die Herausforderungen und die wesentlichen Kooperationen der heutigen British Army mit den deutschen Streitkräften. Dabei stellte er klar, dass der Brexit zwar den Austritt seines Landes aus der Europäischen Union bedeute, das britische Militär jedoch in Europa bleibe. Konkret bedeute dies, dass der Truppenübungsplatz Sennelager weiter durch die Briten betrieben werde.

Weiter soll Ausrüstung und Munition in Deutschland bereitgehalten werden, auch als Basis für das Engagement im NATO-Programm Enhanced Forward Presence. Zudem werde die Kooperation mit den deutschen Pionieren intensiviert. Beide Nationen besitzen das in der NATO einzigartige amphibische Brückengerät M3 in gleicher Ausführung.

Die Steigerung der Interoperabilität mit der Bundeswehr stelle einen zentralen Punkt des „Joint Vision Statements“ – einer Absichtserklärung – dar, die der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson und seine deutsche Amtskollegin Ursula von der Leyen Anfang Oktober in Sennelager unterzeichnen werden.

Deutschland – England – Frankreich

Oberstleutnant Dieter Theodor Beckers (r.) bedankt sich beim Kommandeur des ZMSBw, Kapitän zur See Jörg Hillmann, für die Unterstützung seines Hauses
Oberstleutnant Dieter Theodor Beckers (r.) bedankt sich beim Kommandeur des ZMSBw, Kapitän zur See Jörg Hillmann, für die Unterstützung seines Hauses (Quelle: Bundeswehr/Bernd Schwendel)Größere Abbildung anzeigen
Am 17. Oktober wird die deutsche Delegation in England eintreffen. Dort, an der ehrwürdigen Royal Military Academy Sandhurst, werden erstmals alle Teilnehmer des British Army Staff Ride 2018 zusammenkommen. Etwa 120 Stabsoffiziere aus Großbritannien, Frankreich, Australien, Bangladesch, Irland, Kanada, Neuseeland, Pakistan, Südafrika, den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland absolvieren hier einen gemeinsamen Studientag und ein Wochenende mit militärhistorischem Hintergrund.

Am 20. Oktober reisen dann alle Teilnehmer nach Nordfrankreich, wo sie im Raum Saint-Quentin – Amiens – Sissone – Sedan an den historischen Schauplätzen die Kriegshandlungen des Jahres 1918 untersuchen werden.

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Stand vom: 25.09.18 | Autor: Bernd Schwendel


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