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Historisches Stichwort: Hans-Ulrich von Oertzen - Offizier im Widerstand

Major i.G. Hans-Ulrich von Oertzen im Stabsdienst. Als Vertrauter Tresckows arbeitete er maßgeblich an den „Walküre“-Plänen mit

Major i.G. Hans-Ulrich von Oertzen im Stabsdienst. Als Vertrauter Tresckows arbeitete er maßgeblich an den „Walküre“-Plänen mit (Quelle Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Vor 100 Jahren wurde Major i.G. Hans-Ulrich von Oertzen geboren. Als enger Vertrauter Henning von Treckows war er maßgeblich an der der Planung der Operation „Walküre“ beteiligt. Als Verbindungsoffizier für den Wehrkreis III Berlin gab er am 20. Juli 1944 die ersten Befehle weiter. Das Attentat auf Hitler wäre ohne Männer wie ihn nicht möglich gewesen.

Der 20. Juli 1944 wird vorrangig mit den Namen Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Henning von Tresckow oder Ludwig Beck in Verbindung gebracht. Männer wie Hans-Ulrich von Oertzen spielen dabei allenfalls am Rande eine Rolle. Dass das Attentat auf Adolf Hitler ohne Männer wie ihn jedoch nicht möglich gewesen wäre, ist oftmals nicht bekannt.

Hans-Ulrich von Oertzen war seit März 1943 als 1d (Ausbildungsoffizier) im Stab der Heeresgruppe Mitte tätig. Als enger Vertrauter von Henning von Tresckow arbeitete Oertzen an den „Walküre“-Alarmierungsplänen mit. Als Verbindungsoffizier Stauffenbergs für den Wehrkreis III (WKK III Berlin) gab er am 20. Juli 1944 die ersten „Walküre“-Befehle weiter. Um den Verhören der Gestapo zu entgehen, nahm sich Hans-Ulrich von Oertzen vor 70 Jahren, am 21. Juli 1944, nach dem gescheiterten Attentat mit einer Gewehrsprenggranate das Leben.

In Rattey in Mecklenburg liegt das Gut Rattey der Familie von Oertzen

In Rattey in Mecklenburg liegt das Gut Rattey der Familie von Oertzen (Quelle: Hans-Joachim Nehring)Größere Abbildung anzeigen

Kindheit, Jugend und Ausbildung

Hans-Ulrich von Oertzen wurde am 3. März 1915 in Mecklenburg geboren. Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte er zusammen mit seiner Mutter Elisabeth auf dem Gut seines Onkels in Rattey. Sein Vater fiel 1915 als Kompanieführer in Frankreich. Hans-Ulrich hatte er nie persönlich gesehen. Ab 1929 besuchte Oertzen das Internat Schloss Salem am Bodensee. Ein Stipendium hatte ihm den Aufenthalt an der renommierten Schule ermöglicht. Frühzeitig steht sein Berufswunsch fest: Hans-Ulrich will wie sein Vater und sein väterlicher Vertrauter Edgar Röhricht* Offizier werden. 1933 tritt Oertzen als Fahnenjunker in die Nachrichtentruppe der Reichswehr ein.

*Der spätere General der Infanterie Edgar Röhricht war für Hans-Ulrich von Oertzen eine Art Vaterfigur. Trotz der engen Bindung zwischen beiden konnte Oertzen Röhricht nicht für den aktiven Widerstand gewinnen.

Hans-Ulrich von Oertzen ausgelassen während einer Manöver-Pause

Hans-Ulrich von Oertzen ausgelassen während einer Manöver-Pause (Quelle: Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Hans-Ulrich Oertzen findet sich im Militäralltag schnell zurecht. Oertzens Vorgesetzte schätzen ihn wegen seiner Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit. 1938 wird Oertzen Adjutant beim Gruppenkommando in Wien. 1940 wird er als Lehroffizier an die Heeresnachrichtenschule in Halle (Saale) versetzt, im Juni 1941 zum Panzerarmee-Nachrichtenregiment 1. Nach der Teilnahme am Generalstabslehrgang tritt Oertzen im September 1942 eine Stelle als 1b (Versorgung) einer Infanteriedivision an

Ingrid von Langenn-Steinkeller zusammen mit ihrem Vater Franz Helmut

Ingrid von Langenn-Steinkeller zusammen mit ihrem Vater Franz Helmut (Quelle: Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Ingrid von Langenn-Steinkeller

Im Jahr 1942 lernte Oertzen auch seine spätere Frau Ingrid von Langenn-Steinkeller während eines Besuchs in der Neumark kennen. Es ist es der Beginn einer intensiven und kurzen Liebe. Beide scheinen sich zu ergänzen: Ingrid von Langenn-Steinkeller schätzt Oertzens soldatische Nüchternheit, seine Offenheit und die Vertrautheit, die sie empfindet, wenn sie mit ihm zusammen ist. Oertzen empfindet Ingrids Gedanken - abseits des militärischen Alltags - als eine Bereicherung. Beide verbindet die Leidenschaft für Pferde. Oertzen wird Ingrid bis zum Juli 1944 rund 240 Briefe schreiben, die noch heute erhalten sind.*

*Der Journalist Lars-Broder Keil hat die Briefe zwischen Hans-Ulrich und Ingrid in einem Buch über Hans-Ulrich von Oertzen veröffentlicht. Das Buch wurde im Lukas Verlag ediert.

Hans-Ulrich von Oertzen zusammen mit seiner Frau Ingrid

Hans-Ulrich von Oertzen zusammen mit seiner Frau Ingrid (Quelle: Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Vorbereitungen zum Attentat

Im März 1943 wurde Oertzen als 1d (Ausbildungsoffizier) in den Stab der Heeresgruppe Mitte versetzt: Sein Vorgesetzter (1a) dort ist Oberst Henning von Tresckow. Tresckow zieht Oertzen eng zu sich heran. Er ist überzeugt von seiner Urteilskraft und seinen Fähigkeiten. Als Nachbar der Familie Langenn-Steinkeller unterstützt Tresckow bei Ingrids Vater das Anliegen von Hans-Ulrich, seine Verlobte noch im Krieg heiraten zu dürfen.

Im Wirkungskreis Tresckows schreiten die Vorbereitungen für einen Staatsstreich voran. Mit dem Zusammenbruch Italiens scheint eine günstige Gelegenheit dazu gekommen zu sein. Tresckow knüpft im Sommer 1943 in Berlin alte und neue Kontakte und arbeitet mit dem neuen Stabschef des Allgemeinen Heeresamtes Stauffenberg zusammen. Sie überprüfen die Umsetzung der „Walküre“-Befehle, mit denen die Teile des Ersatzheeres und der Schulverbände im Raum Berlin alarmiert werden sollen. Hans-Ulrich von Oertzen ist für die Ausarbeitung der Besetzung von Schlüsselstellen durch die alarmierten Truppen zuständig. Oertzen und Stauffenberg werden zur Tarnung zum Stellvertretenden Generalkommando III am Hohenzollerndamm 144 kommandiert. Von hier aus werden die Truppenteile alarmiert, die für den Umsturz in Berlin bereitstehen.

Pferde zählen zu Hans-Ulrich von Oertzens Leidenschaften. Das Foto zeigt ihn bei einem Turnier in Wien

Pferde zählen zu Hans-Ulrich von Oertzens Leidenschaften. Das Foto zeigt ihn bei einem Turnier in Wien (Quelle: Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Durch die Übernahme eines Frontkommandos durch Tresckow im Oktober 1943 müssen die Pläne der Verschwörer vorerst verschoben werden. Oertzen ist enttäuscht. Er ist mittlerweile von der Notwendigkeit eines Umsturzes überzeugt. Im November 1943 hilft er, für ein geplantes Attentat auf Hitler in Minsk Sprengstoff zu besorgen.

Nach sieben Wochen als Kommandeur eines Infanterieregiments wird Tresckow Chef des Stabes der 2. Armee. Auf der neuen Position setzt er alles daran, seine Vertrauten wieder in seine Nähe zu bekommen. Im März 1944 gelingt es ihm, Oertzen als Operationsoffizier in die 2. Armee zu versetzen. Beide können Rittmeister Eberhard von Breitenbuch, den Ordonanzoffizier von Generalfeldmarschall von Witzleben, überzeugen, bei einer Besprechung auf dem Obersalzberg das Attentat zu wagen. Doch es kommt nicht dazu, weil Hitler die Ordonanzoffiziere bei der Besprechung herausschickt.

Hans-Ulrich von Oertzen während einer Urlaubsreise nach Dalmatien

Hans-Ulrich von Oertzen während einer Urlaubsreise nach Dalmatien (Quelle: Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Der 20. Juli 1944

Unter dem Vorwand, Waffen und Material zu beschaffen, ist Hans-Ulrich seit Anfang Juli 1944 wieder in Berlin tätig. Er legt die genauen Marschzeiten für das Ersatzheer fest und besucht die Schulverbände im Raum Berlin. Am Vormittag des 20. Juli stellt Oertzen für Friedrich Olbricht die Marschbefehle für die bereit stehenden Einheiten zusammen. Danach richtet er dem Kommandeur des Wehrkreiskommandos (WKK), General Joachim von Kortzfleisch, persönlich aus, „er solle umgehend zu Olbricht kommen“. Kortzfleisch wird kurz darauf im Bendlerblock festgesetzt. Gegen 17.30 Uhr gibt Oertzen im WKK eine Liste der Einrichtungen aus, die vom Ersatzheer besetzt werden sollen - darunter Rundfunk- und Nachrichtenanstalten, oberste Behörden, Dienststellen der SS und der NSDAP. Nach anfänglicher Weigerung erklärt sich der Chef des Stabes im WKK, Generalleutnant Otto Herfurt, bereit, Oertzens Befehle zu befolgen. Zwischen 18.00 Und 19.00 Uhr bestätigen die alarmierten Militärschulen und Garnisonen ihre Marschbereitschaft. Alles scheint gut zu gehen.

Als langsam durchsickert, dass Hitler das Attentat überlebt hat, weigert sich Herfurth, weitere Befehle auszuführen. Als Joachim von Kortzfleisch, nach seiner Befreiung, gegen 23.00 Uhr aus dem Bendlerblock zurückkehrt, wird Oertzen als Verdächtiger verhört und vorläufig unter Bewachung gestellt. Oertzen verneint während des Verhörs jede Bekanntschaft zu Stauffenberg. Am nächsten Morgen erinnert sich die Vorzimmerdame Joachim von Kortzfleischs daran, dass Oertzen zusammen mit Stauffenberg 1943 ins WKK kommandiert waren. Oertzen ist enttarnt. Er ruft seine Frau an und zündet eine Gewehrsprenggranate in Kopfnähe. Schwer verletzt gelingt es ihm, zu einer Löschsandtüte zu kriechen und eine zweite, versteckte Gewehrsprenggranate zu zünden.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Gespräch mit Ingrid Simonsen in Rattey im Mai 1992

Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Gespräch mit Ingrid Simonsen in Rattey im Mai 1992 (Quelle: Lukas Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Am Kreuzweg der Geschichte stehen keine Wegweiser

Über Hans-Ulrich von Oertzen und seine persönlichen Motive für eine Beteiligung am Widerstand ist wenig bekannt. Herkunft und Familiengeschichte kann für Oertzens Entschluss ebenso eine Rolle gespielt haben wie die humanistische Tradition in Salem am Bodensee, die Erfahrung an der Front oder der Einfluss Henning von Tresckows. Wie für viele der Beteiligten galt es auch für ihn, Spuren zu verwünschen, um sich, seine Angehörigen und andere Beteiligte des Widerstands nicht zu gefährden. Oertzen mochte seinen Beruf und hat immer wieder gezweifelt, ob er gegen den geleisteten Eid und den Gehorsam als Grundlage seines Berufes verstoßen darf, um letztendlich doch enttäuscht festzustellen, dass Hitler Deutschland in den Abgrund führt. Wie die meisten seiner Zeitgenossen schien er zu Beginn eine gewisse Sympathie für die Nationalsozialisten zu teilen, die vorgaben eine neue Gesellschaft mit neuen Menschen schaffen zu wollen.

Johannes Tuchel und Peter Steinbach von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand schreiben dazu: Solche Systeme deuten überkommene Begriffe um, belegen sie mit neuen Sinn und verwandeln sie in politische Schlagworte. Sie vernebeln auf diese Weise die Wahrnehmung des Unrechtscharakters und erzeugen Wehr- und Fraglosigkeit. In einer solchen Situation könne sich als Individuum nur behaupten, wer den Willen und die Fähigkeit zu klarer Erkenntnis besitzt und die Bereitschaft, sich für Veränderungen einzusetzen – nicht selten ohne Rücksicht auf die eigene Person. Hans-Ulrich von Oertzen war dazu in der Lage. An einem historischen Wendepunkt – an einem Kreuzweg der Geschichte mit ungewissem Ausgang - war Oertzen bereit, den Umsturz zu wagen und seiner Überzeugung treu bleiben. Ob Oertzen an dem Erfolg des Attentats gezweifelt hat, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Seine Heirat mit Ingrid von Langenn-Steinkeller ist jedoch ein Indiz dagegen.

Nach der Rückgabe des Gutes Rattey an die Familie Oertzen wurde im Mai 1992 mit einer späten Gedenkfeier und einer Gedenktafel an Hans-Ulrich von Oertzen erinnert. An der Feier nahmen auch Hans-Ulrichs Frau Ingrid und Bundespräsident Richard von Weizsäcker teil.


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Stand vom: 05.03.15 | Autor: PIZ Heer Medien


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