Duellsituation für Hauptfeldwebel Seibert
Koblenz, 22.01.2010.
Kunduz – Nordafghanistan. 36 Männer des Panzergrenadierzuges der schnellen Eingreiftruppe des Regionalkommandos Nord werden alarmiert. Sie müssen sofort einem deutschen Spähtrupp bei Kunduz zu Hilfe eilen, der von Aufständischen angegriffen wird. Für den 30-jährigen Hauptfeldwebel Daniel Seibert entwickelt sich in den nächsten Minuten eine Duellsituation mit dem Gegner, in der es um Leben und Tod geht. Für seinen mutigen Einsatz zeichnete ihn Verteidigungsminister zu Guttenberg am 22. Januar mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit aus.

Die Angehörigen des Bad Salzungener Panzergrenadierzuges sind seit drei Monaten bereits in Afghanistan im Einsatz. Sie gehören zur schnellen Eingreiftruppe des Regionalkommandos Nord und sind im Provincial Reconstruction Team (PRT) in Kunduz stationiert.
Donnerstag, 4. Juni. Die Thüringer Soldaten sind seit mehreren Stunden bei 50 Grad Hitze an einer wichtigen Verbindungsstraße rund 20 Kilometer nordwestlich vom PRT Kunduz eingesetzt. Sie suchen dort gemeinsam mit belgischen und afghanischen Soldaten nach versteckten Sprengladungen - eine der hinterhältigsten und tödlichsten Bedrohungen.
Plötzlich gegen 14 Uhr erreicht ein Hilferuf über Funk die deutschen Soldaten.
Der Spähtrupp einer Gothaer Aufklärungskompanie ist etwa sieben Kilometer nördlich in einen Hinterhalt geraten, bei dem sich auch ein Selbstmordattentäter auf einem Motorrad in die Luft gesprengt hat. Die Aufklärer müssen sich gegen die zahlenmäßig überlegenen Angreifer heftig wehren.
Hauptfeldwebel Jan H., der Zugführer des Panzergrenadierzuges, informiert über Funk sofort seinen Kommandeur, Oberstleutnant Hans Christoph G., über die ernste Lage. Der Kommandeur befindet sich zu dieser Zeit gut zehn Kilometer entfernt in der Polizeistation Chara Darreh. Oberstleutnant G. befiehlt den Panzergrenadieren, den Aufklärern sofort zur Hilfe zu eilen.
Hauptfeldwebel Jan H. gibt unverzüglich einen kurzen Befehl an seine Soldaten.
Die 36 Soldaten sitzen auf ihre Fahrzeuge auf, vier Dingos und drei Transportpanzer Fuchs, und jagen los, um den Kameraden in tödlicher Bedrohung zu helfen.
Hauptfeldwebel Daniel Seibert führt dabei die Spitzengruppe des Zuges mit seinen zehn Soldaten an. Dazu fährt er mit zwei Dingos in einem Abstand von 300 Meter dem Grenadierzug voraus, um nach vorne zu sichern.
Nach rund zehn Minuten schneller Fahrt sehen sie etwa 500 Meter vor sich das Dorf Basoz, wo sich der Gothaer Spähtrupp befindet.
Schon schlagen zahlreiche Geschosse aus Panzerfäusten und Schnellfeuerwaffen Seiberts Männern aus der Ortschaft entgegen und verfehlen sie nur knapp. Entschlossen lässt der Hauptfeldwebel seine beiden Dingos wieder anfahren, um den Aufklärern in Basoz zu Hilfe zu kommen. Der Spähtrupp muss freigekämpft werden.
Als er in schneller Fahrt die sich heftig verteidigenden Kameraden erreicht, lässt er seine Soldaten von den Dingos absitzen und Stellung beziehen.
Erneut greifen die zahlenmäßig weit überlegenen Aufständischen fanatisch an. Von allen Seiten werden die sich jetzt gemeinsam verteidigenden deutschen Soldaten beschossen.
Wahre Geschosshagel aller Kaliber schlagen neben den Soldaten und in die umliegenden Hauswände ein. Hauptfeldwebel Seibert gibt schnelle und klare Befehle.
Er führt von vorne und gibt durch sein entschlossenes Handeln seinen Soldaten Vertrauen und Zuversicht. Tapfer wehren sich die deutschen Soldaten gegen die Angreifer.
Der Führer der Gothaer Aufklärer, Enrico E., erreicht unter Feindfeuer Seibert.
Die beiden tauschen sich schnell über die Feindlage aus.
Plötzlich ein Feuerstoß aus einer Kalaschnikow, der den Trageriemen des Gewehrs G36 von Hauptfeldwebel Enrico E. und ein Stück seiner Schuhsohle wegschießt. Von der linken Seite nähert sich eine Gruppe von Angreifern. Einer von ihnen bleibt in nur 25 Meter Entfernung stehen und schießt mit seiner Kalaschnikow weiter auf die Deutschen. Die Geschosse verfehlen E., Soldaten aus seinem Trupp und Seibert selbst nur knapp. Geistesgegenwärtig und entschlossen reißt Hauptfeldwebel Seibert seine Waffe nach oben und kann den Angreifer im Duell ausschalten. „Wenn jemand aus 25 Meter Entfernung auf dich schießt, und immer näher auf dich zukommt, musst du dich entscheiden. Entweder er oder ich – Leben oder Tod!“, schildert Seibert seine Gedanken in der Phase der tödlichen Gefahr.
Seite an Seite wehren die Bad Salzungener Panzergrenadiere und die Gothaer Aufklärer noch mehrere fanatisch vorgetragene Angriffe des Gegners ab.
Endlich, nach langen 45 Minuten heftigstem Abwehrkampf erreichen zwei weitere Verstärkungszüge mit Jägern die Ortschaft Basoz. Die Aufständischen erkennen nun endgültig, dass ihr Hinterhalt gescheitert ist und ziehen sich unter hohen Verlusten zurück.
Gegen 15.30 Uhr ist das Gefecht in der Ortschaft Basoz beendet.
Keiner der Soldaten konnte zu dem Zeitpunkt ahnen, dass sie auf dem folgenden Weg noch ein weiterer Hinterhalt erwarten sollte.
Auch wenn am Ende dieses denkwürdigen Tages nahezu alle Fahrzeuge durch Beschuss beschädigt worden sind, grenzt es beinahe an ein Wunder, dass an diesem 4. Juni des letzten Jahres kein deutscher Soldat gefallen ist.
Insgesamt aber gilt es festzuhalten: Es ist dem mutigen, entschlossenen und verantwortungsvollen Handeln des Hauptfeldwebels Daniel Seibert zu verdanken, dass eine mögliche Vernichtung des Gothaer Spähtrupps verhindert werden konnte.
Taktisch geschickt und umsichtig gelang es ihm mit seinen zehn Männern die Aufklärer so zu unterstützen, dass ein zahlenmäßig überlegener und blindwütig kämpfender Gegner mit hohen Verlusten zum Rückzug gezwungen wurde.

Mutig und Entschlossen gehandelt
Der letztendlich erfolgreiche Zusammenschluss mit dem Spähtrupp und das Zurückdrängen der Angreifer ohne eigene Verluste bleibt Hauptfeldwebel Seibert noch lange im Gedächtnis. „Wir wurden ja schon oft beschossen, aber es gab bisher nur zwei bis drei Gefechte dieser Art. Dabei läuft jede gefährliche Situation wie in einem Film ab und man kann sich immer noch lange danach an jedes noch so kleine Detail erinnern.“
Mit seinem richtigen Entschluss und seinem vorbildhaften Einsatz bewies Hauptfeldwebel Seibert seinen Mut und seine Entschlusskraft. Er hatte große Verantwortung und führte seine Gruppe von vorn. Seinen Soldaten gab er dadurch im Gefecht Zuversicht, Vertrauen und die Entschlossenheit, auch unter massivem Feindfeuer gegen einen zahlenmäßig zunächst überlegenen Angreifer den Feuerkampf zu führen.

Gemeinsam überlebt
Der 30-jährige Berufssoldat aus Stolberg im Harz war im Zeitraum April bis Oktober 2009 beim Einsatzkontingent ISAF in Afghanistan eingesetzt. Bis dahin war Seibert bereits in zwei weiteren Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan gewesen. Die gemachten Erfahrungen in den Auslandseinsätzen halfen ihm sicherlich in der lebensbedrohlichen Situation. Hauptfeldwebel Seibert sieht sich nicht alleine verantwortlich für den guten Ausgang. „Ohne meine Soldaten wäre das alles gar nicht möglich gewesen und für mich ist es eine große Auszeichnung und eine Anerkennung für das Geleistete, die ich aber nicht nur für meine Gruppe sondern für den ganzen Zug annehme. Mein jüngster Soldat, Hauptgefreiter Patrick O. aus Gräfenroda, war gerade mal 19 Jahre alt. Im Moment des Angriffs behielt er die Nerven und konnte mit seinem Maschinengewehr mehrere Aufständische niederhalten. Selbst als die Angreifer mit ihren Waffen schießend auf ihn zurannten und die Geschosse neben seinem Helm einschlugen, schoss er weiter und kämpfte sie nieder. Das ist doch unvorstellbar! Ohne Deckung und ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, weil er den Auftrag hatte und diesen auch umsetzte.“
Das Wort Kameradschaft hat hier eine neue Dimension erreicht. Hauptfeldwebel Seibert weiß, dass er sich auf seine Kameraden hundertprozentig verlassen kann, so wie auch sie dankbar waren gerade mit ihm in den Einsatz zu gehen. „Im Nachhinein war für mich die größte Auszeichnung, dass meine Kameraden bei der Heimkehr mit Tränen in den Augen zu mir gekommen sind, um mich zu drücken und erst danach zu ihren Angehörigen gingen. Sie bedankten sich bei mir, dass ich mit ihnen in den Einsatz gegangen bin“,
sagt Seibert.
Für Hauptfeldwebel Seibert bleibt der 4. Juni 2009 noch lange in Erinnerung, wohl auch, weil er gerade mal zwei Stunden vor dem lebensgefährlichen Einsatz zum Hauptfeldwebel befördert worden war.
