Faszinierender Auftrag: Als Austauschpilot in Neuseeland
Ohakea / Neuseeland, 20.01.2010.
Ein militärisches Austauschprogramm macht es möglich: Zwei Hubschrauberpiloten des Heeres haben für drei Jahre einen Traumjob am anderen Ende der Welt ergattert. Ihr Auftrag: Sie unterstützen die neuseeländischen Streitkräfte. Der deutsche Hauptmann und Heeresflieger Lars Hilgert lebt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Neuseeland und berichtet über seine Erlebnisse.

Nach 27 Stunden reiner Flugzeit und einer Reisezeit von knapp 36 Stunden sind wir am zweiten Juni endlich in Ohakea, unserer militärischen Heimat für die nächsten drei Jahre, angekommen. Vorausgegangen ist ein knapp 18-monatiger Prozess für den ersten deutsch-neuseeländischen Militäraustausch. Anfang 2008 wurde mit der bevorstehenden Einführung des neuen Transporthubschraubers NH 90 bei den neuseeländischen Streitkräften der Wunsch geäußert, einen neuseeländischen Fluglehrer und einen Bordmechaniker an der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg einzusetzen. Im Gegenzug wurde angeboten, zwei deutsche Piloten in der Neuseeländischen Hubschrauberstaffel einzusetzen. Ich war Staffelkapitän in Faßberg und bewarb mich auf eine dieser Stellen. Da es keinerlei militärischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten gab, mussten zunächst die vertraglichen Voraussetzungen geschaffen werden.

Umzug zur No. 3 Squadron
Bereits Anfang Mai folgte ein Vorbereitungsbesuch in Neuseeland. Nach den Umzugsvorbereitungen und dem Abschied von der Familie, kam dann am 30. Mai der Abflug aus Deutschland. Es folgte eine Einweisungsphase und Unterstützung durch verschiedene Institutionen bei der Wohnungssuche, dem Anmelden der Autos, einem Besuch bei der deutschen Botschaft sowie dem neuseeländischen Verteidigungsministerium. Hauptmann Geresbeck und ich haben dann Ende Juni den Dienst in der No.3 Squadron (Sqn) angetreten. Die No.3 Sqn ist eine gemischte selbstständige Hubschrauberstaffel - neben der No.6 Sqn die einzige Hubschraubereinheit der neuseeländischen Streitkräfte. Ausgerüstet ist diese mit 14 Bell UH-1H „Iroquois“ und fünf Bell-47 „Sioux“ Trainingshubschraubern. Diese sollen beginnend ab 2010 durch acht NH90 Transporthubschrauber und vier Augusta A109 ersetzt werden. Die Staffel hat verschiedene Aufträge im Rahmen der inneren und äußeren Sicherheit. Neben dem Einsatz im Rahmen der Landesverteidigung gehören Search and Rescue (SAR), Einsatz mit den Spezialeinheiten von Armee und Polizei und Unterstützung verschiedener Ministerien zu den Aufgaben der Squadron.
Tropenausbildung auf Samoa
Mittlerweile ist das Jahr zu Ende und die Staffel blickt auf ein recht interessantes Jahr zurück. Wir haben seit Juni an verschiedenen Übungen teilgenommen und bekamen einen guten Einblick in die Aufgaben. Der Großteil der Hubschrauberstaffel ist in Übungen involviert, darüber hinaus in Objektschutz, Instandsetzung, Wartung, Betriebsstoff sowie Flug- und Wetterberatung. Im Rahmen der Aus- und Weiterbildung wurden verschiedene Vorhaben durchgeführt. Ende Juni Winter- und Gebirgsflüge in den neuseeländischen Alpen im Norden der Südinsel. Hier am „anderen Ende der Welt“ sind die Jahreszeiten im Vergleich zu Europa eben um sechs Monate verschoben. Im August und September erfolgte eine Tropenflugausbildung auf Samoa. Die Verlegung der Hubschrauber wurde per Seetransport realisiert, das Personal folgte per Flugzeug. Neben dem Fliegen unter besonderen Tropenbedingungen wie hoher Luftfeuchtigkeit und Temperatur wurde der Einsatz im Rahmen der humanitären Hilfeleistung geübt. Nach dem Ende der Übung wurde Samoa von einem Tsunami getroffen. Ein Großteil der an der Südküste befindlichen Ortschaften wurde schwer verwüstet. Da Neuseeland im Bereich des Südpazifiks einem Beistandspakt vorsteht, wurden nach Ersuchen der samoanischen Regierung innerhalb von 24 Stunden zwei UH1-H samt Besatzungen und Wartungsgruppe auf dem Luftweg nach Samoa verlegt, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Im Oktober wurden im Südteil der Südinsel insbesondere Formationsflug und taktische Verfahren in Zusammenarbeit mit dem neuseeländischen Heer geübt.

Einweisung in Search and Rescue (SAR) -Verfahren
Zum Abschluss des Jahres wurden Hauptmann Geresbeck und ich weiter in die SAR-Verfahren (suchen und retten) eingewiesen und qualifiziert. Suchverfahren und alle Arten von Windenbergung - über See und von Booten und Schiffen, standen auf dem Ausbildungsprogramm. SAR hat in Neuseeeland eine besondere Bedeutung. Neben den zivilen Rettungshubschraubern verfügt nur die Airforce über die Möglichkeiten für längere Suchaktionen bei Tag und Nacht. Gerade im Bereich der abgelegenen Gebiete Neuseelands werden immer wieder Personen vermisst, die die Entfernungen, das Wetter und die eigenen Fähigkeiten schlichtweg falsch beurteilen und in Not geraten. Die SAR-Bereitschaft wurde seither bereits mehrfach alarmiert und hat an größeren Suchen teilgenommen. Unter anderem nach vermissten Flugzeugen und Wanderern. Es gibt Gebiete, die äußerst schwer zugänglich sind, daher sind „klassische“ Such- und Rettungseinsätze mit Suchtrupps und der Unterstützung von Flugzeugen und Hubschraubern nicht unüblich in Neuseeland. Trotz der bereits zahlreich gesammelten Eindrücke, lernen wir viel Neues, um dann vollständig in allen Aufgabenbereichen eingesetzt zu werden. Verfahren wie Ausbildung der Besatzungen oder Notverfahren sind unterschiedlich und mit denen in Deutschland nicht vergleichbar. Sie basieren auf Erfahrungen der Neuseeländer. Im taktischen Bereich arbeiten die neuseeländischen Streitkräfte nach bzw. nahe am NATO/US-Standard.
Aufwachsen in einem fremden Land
Im privaten Bereich ist uns das Eingewöhnen sehr angenehm gemacht worden, obwohl die Trennung zu Familie und Freunden manchmal sicherlich ein wenig schwer fällt. Trotz moderner Medien machen zwölf Stunden Zeitverschiebung das Kontakthalten nach Hause nicht einfach. Schnell wurden wir in die Staffel und am Standort aufgenommen und integriert. Die ausgesprochene Gastfreundschaft macht es sehr einfach, sich hier wohl zu fühlen. Hauptmann Geresbeck wohnt, wie ein Teil der Staffelangehörigen, in einem Wohnhaus auf der Base. Es gibt Wohnbereiche auf den Stützpunkten, in denen den Soldaten Wohnungen angeboten werden. Meine Frau und ich haben in einer nahen Stadt ein Haus gemietet. Seit Mitte November sind wir nun zu dritt und haben somit die einzigartige Möglichkeit, unseren Sohn die ersten zweieinhalb Jahre in einem fremden Land aufwachsen zu lassen.

