2. Teil: Späher aus dem Dunkel
Calasetta / Sardinien, 05.09.2009.

Mit Vollgas gegen den Mistral
Der nächste Ausbildungsabschnitt beinhaltet das Anlanden mit den Sturmbooten von See. Die insgesamt 21 Späher verteilen sich auf die drei Boote. Die komplette Ausrüstung in den Booten ist verzurrt. Rucksäcke, Luftpumpen für das Boot, Benzinkanister für die Außenborder, Paddel, Schwimmwesten, Tauchermasken und Flossen, alles ist mit Seilen am Boot gesichert. Mit Vollgas jagen die Sturmboote über die See. Fahrtechnik ist dabei gefragt. Für den Mann am Außenborder gilt es, das Boot möglichst längs zu den Wellen zu steuern also zu „schneiden“. Dies gelingt nicht immer, Das Boot springt und bockt wie ein wild gewordener Bulle. Sprünge von drei oder vier Metern sind keine Seltenheit. Der Aufprall ist jedes Mal brutal. Die Männer werden gebeutelt und krallen sich an dem umlaufenden Seil am Bootskörper fest. Blaue Flecken sind programmiert. Fast jeder im Boot erleidet kleinere Verletzungen. Der Mann am Motor blutet aus einem großen Kratzer am Oberschenkel, trotzdem verzieht er keine Miene. Das Boot rast gegen die anbrausenden Wellen. „Ja das bringt Laune“, stöhnt ein Oberstabsfeldwebel nach einem heftigen Aufprall des Bootes auf die Wasseroberfläche. Der Bug ragt in den Himmel, das Boot ist oft zu zwei Dritteln in der Luft. Der Motor heult auf, wenn die Schraube beim Sprung das Wasser verlässt. Die Einen verlieren fast den Außenborder, die Verschraubung hatte sich durch die heftigen Schläge aufs Wasser gelöst. Zwei Männer gehen über Bord, mit brutaler Gewalt werden sie ins Wasser geschleudert. Schnell zupackende Hände holen sie noch während der Fahrt zurück. “Wo wolltet ihr denn ohne uns hin, etwa schon keine Lust mehr?“, brüllt ihnen ein Kamerad zu. Raue Töne gehören dazu in dieser eingeschworenen Gemeinschaft.

Schneller fahren - kürzer leiden
Das an der Spitze liegende Boot wird im Sprung von einer Welle getroffen, Ausrüstungsgegenstände fliegen über Bord, die Seile hatten sich gelöst. „Wir haben die Führung vergeigt, jetzt zahlen wir den Kaffee für die anderen“, ärgert sich der Späher. Die Ausrüstung wird schnell eingeholt und er gibt Vollgas um vielleicht noch was rauszuholen bei dem internen Wettkampf. Im Yachthafen von Carloforte treffen sie sich wieder, der Zug sammelt sich. Bei mitgebrachten Sandwiches aus der Truppenverpflegung stärken sich die Soldaten. Warum sie so schnell fahren? „Lieber schnell fahren und kurze Zeit Schmerzen, als langsam fahren und länger leiden“, lacht Ice. Der wahre Grund ist allerdings, dass die Spezialisten immer unerkannt in ihrem Versteck ankommen müssen, gleich auf welchem Weg. Zu Fuß kann das Stunden dauern. Mit dem Boot gilt, je kürzer die Überfahrt um so kürzer die Gefahr erkannt zu werden. Die Rückfahrt gleicht einer Spazierfahrt. Diesmal fahren sie mit dem Wind im Rücken. Festhalten müssen sie sich trotzdem, um nicht unerwünscht über Bord zu gehen. Zurück in Calasetta, werden die Ausbildungsabschnitte intern ausgewertet. Danach ist Zeit zur freien Verfügung bis zur Nachtausbildung. Die Späher vertreiben sich die Zeit nicht etwa mit ausruhen. Wasserskifahren bei Brandung und Tauchen an den Riffen lautet ihr Freizeitprogramm. „Wir brauchen halt immer irgendwie Action und Adrenalin“, lachen sie.

„Eyes on Target“
„Für meine Männer ist es absolut wichtig in jeder Operationsphase unentdeckt zu bleiben“, erklärt Major Simmelbauer den Fernspähauftrag. Bei der Vorbereitung erfahren die Teams untereinander nichts von ihren verschiedenartigen Aufträgen, um bei eventueller Gefangennahme keine Geheimnisse über andere Teams preisgeben zu müssen. In der Infiltrationsphase (Annäherung) und der Exfiltrationphase (Rückverlegung) gilt es oft, schwerstes Gelände mit schwerem Gepäck völlig ungesehen zu überwinden. Oftmals 60 Kilogramm Ausrüstung, Verpflegung und Munition müssen ungesehen ins Versteck gebracht werden. Die Meister der Deckung und Tarnung müssen quasi unsichtbar das Versteck erreichen. Sie bauen es bei Nacht aus und für die Dauer des Auftrages müssen sie dort überleben und ungesehen aus dem Versteck beobachten. „Es ist harte Arbeit bis wir mit dem „Auge am Ziel“ sind (Eyes on Target). Es kann in Extremfällen bis zu vierzehn Tage dauern“, so Simmelbauer. Ist ein Versteck entdeckt, gilt es schnellstmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen, abzuziehen. Es gibt derzeit mehr Nachwuchsbedarf als geeignete Bewerber. Diese müssen sich einem sehr anspruchsvollen Auswahlverfahren stellen, ähnlich dem der KSK (Kommando Spezialkräfte). „Wir brauchen keine abenteuerlustigen Rambotypen, sondern leistungsstarke, belastbare und leidensfähige Männer mit schneller Auffassungsgabe und schnellem Reaktionsvermögen auch in Krisensituationen“, erklärt der Chef die Anforderungen an einen Fernspäher. Teamfähigkeit ist dabei ein unbedingtes Muss, genau wie bei der Nachwuchsauswahl für das KSK, die GSG-9 (Antiterroreinheit der Bundespolizei) und bei den SEK´s (Sondereinsatzkräften der Polizei).

