Afghanistaneinsatz: Letzte Übung der Saarlandbrigade vor dem Ernstfall
Letzlingen/Zweibrücken, 03.12.2010.
450 Zweibrücker Fallschirmjäger übten letztmalig im Gefechtsübungszentrum in der Letzlinger Heide bei Magdeburg vor ihrem bevorstehenden Afghanistaneinsatz. Sie sollen ab Januar 2011 im Ausbildungs- und Schutzbataillon Kunduz zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften für Sicherheit und Stabilität sorgen.

„Demokrat, hier Alpha: Lagemeldung!“ Hauptfeldwebel Thomas R. meldet an seinen Kompaniechef. „Südrand von Plattenhausen genommen – ich sichere rundum; keine Ausfälle!“ Den Fallschirmjägern des Alpha-Zuges steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Irgendwo in Plattenhausen wartet der Gegner. Auch wenn hier alles wie ein großes Spiel wirkt, wissen die Soldaten, dass diese Situation in wenigen Wochen Realität werden kann. Denn sie gehören zu den rund 450 Soldaten der Saarlandbrigade, die Anfang 2011 für ein halbes Jahr Dienst im Norden Afghanistans leisten werden. Diese Übung in der Letzlinger Heide bildet den Abschluss einer fast einjährigen Ausbildung mit dem Ziel, als Ausbildungs- und Schutzbataillon zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften für Sicherheit und Stabilität in der Provinz Kunduz zu sorgen.

Ausbildung geprägt von modernster Technik und Einsatzerfahrung
Eine Woche sind die Fallschirmjäger bereits im Gefechtsübungszentrum und üben das, womit sie in Afghanistan rechnen müssen: Hinterhalte, Sprengfallen und Gefechte. Der Leiter des Gefechtsübungszentrums, Oberst Michael Matz, lobt die Möglichkeiten seiner Ausbildungseinrichtung: „Wir haben die modernste Technik, um das Verhalten jedes Soldaten individuell auswerten zu können.“ In der Leitungszentrale können die Bewegungen der Soldaten digital aufgezeichnet und die Funksprüche mitgeschnitten werden. Zudem wird die interkulturelle Kompetenz der Soldaten geschult. Die zwei Kompanien des Gefechtsübungszentrums treten nicht nur als Feind auf, sondern können je nach Szenario auch afghanische Bevölkerung, Polizei oder Armee darstellen. „Es ist äußerst wichtig, dass wir so nah wie möglich an der Realität ausbilden“, sagt der einsatzerfahrene Matz, der bis vor wenigen Monaten in Afghanistan die Quick Reaction Force, die schnelle Eingreiftruppe, kommandierte. Auch seine Ausbilder, ehemalige Kompaniechefs, weisen Einsatzerfahrung auf, die nicht älter als zwei Jahre ist. Erfahrung, von der auch Hauptmann Mathias E. profitiert, denn für ihn wird es der erste Einsatz am Hindukusch sein.

Ein hohes Maß an Verantwortung
Mathias E. ist Kompaniechef und trägt die Verantwortung für rund 130 Frauen und Männer. Der Hauptmann koordiniert das Feuer und die Bewegung seiner Soldaten. Zudem steht er in Verbindung mit einem US-amerikanischen Kampfhubschrauber, der das Vorgehen seines Alpha-Zuges zusätzlich überwachen soll. Er weiß, dass jeder Fehler im Ernstfall Leben kosten könnte! „Südrand von Plattenhausen genommen…keine Ausfälle“, hört er über Funk die Meldung seines Zugführers. Jetzt gilt es weiter in die Ortschaft vorzustoßen. Aus etwa einem Kilometer Entfernung beobachtet der Kommandeur der Fallschirmjäger aus Zweibrücken, Oberstleutnant Andreas Steinhaus, die Szenerie. Er wird den etwa 700 Soldaten starken Verband aus Fallschirmjägern und Unterstützungskräften in Kunduz führen, wo es regelmäßig zu Feuergefechten kommt und die Lage oft unübersichtlich ist. Er hat sich entschieden seine Truppen nicht aus dem beheizten Gefechtsstand im 15 Kilometer entfernten Feldlager zu führen, sondern mit Blick ins Gelände aus seinem Transportpanzer Fuchs. Theoretisch ist die Operation „Amnjad“ nur eine Übung, aber Steinhaus sagt: „Das ist kein Spaß, sondern eine realitätsnahe Übung.“

Im Ernstfall gibt es keinen zweiten Versuch
Dann geht alles ganz schnell. Im Schutz von Nebelbomben und Maschinengewehrfeuer rückt der Alpha-Zug von Hauptfeldwebel R. weiter vor. Doch auch der Gegner hat den schützenden Nebel ausgenutzt. Flankierender Beschuss liegt auf den Fallschirmjägern. Die Platzpatronen verursachen zwar keinen Schaden, hingegen machen die an den Waffen und Uniformen angebrachten Laser-Sensoren jeden Treffer sichtbar. Vier Soldaten signalisiert der Minicomputer an der linken Brusttasche, dass sie im Ernstfall im Gefecht bei Plattenhausen gefallen wären. Zwei weitere Soldaten werden schwer verwundet. Hauptfeldwebel R. leitet, nachdem der Feind geschlagen ist, die sogenannte Rettungskette ein. Als die Rettungssanitäter des Alpha-Zuges nach etwa drei Minuten im Verwundetennest eintreffen, haben vier Soldaten bereits Erste Hilfe geleistet. Zusammen bringen sie die Verwundeten zum Beweglichen Arzttrupp, der die Soldaten notfallmedizinisch stabilisiert, damit diese per Hubschrauber in die Rettungsstation, eine Art Feldlazarett, gebracht werden können. „Auch wenn der Auftrag erfüllt wurde, gilt es nun in der Auswertung die Fehler kritisch zu analysieren, damit uns das nicht ein zweites Mal passiert“, sagt Brigadegeneral Eberhard Zorn, der Kommandeur der Saarlandbrigade. Der General weiß, dass sich seine Soldaten in Afghanistan keinen zweiten Versuch leisten können.

