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Seite an Seite mit der afghanischen Armee

Letzlingen, 11.10.2010.
Rund 670 Soldaten des Ausbildungs- und Schutzbataillons absolvieren in der Letzlinger Heide ihren letzten Test vor dem Abflug nach Nordafghanistan. Ihr Auftrag: In enger Partnerschaft mit den afghanischen Armee für mehr Sicherheit in Nordafghanistan zu sorgen.

In einen Hinterhalt geraten: Übung unter feindlichem Feuer (Quelle: Bw-aktuell/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

ISAF-Kräfte der NATO und afghanische Soldaten Seite an Seite im Einsatz mit dem Ziel, die Verantwortung schrittweise an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben – das ist Bestandteil der neuen NATO-Strategie für Afghanistan. Das so genannte „Partnering“ bedeutet, dass Soldaten der internationalen ISAF-Truppe gemeinsam mit den Kräften der Afghan National Army (ANA) agieren, sie ausbilden, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weitergeben und notfalls auch gemeinsam mit ihnen gegen Aufständische vorgehen.

Seit acht Jahren am Hindukusch

Die Bundeswehr engagiert sich mittlerweile seit acht Jahren im Rahmen von ISAF am Hindukusch und hat seit Juni 2006 mit dem Regionalkommando Nord die Verantwortung über die NATO-Truppen in Nordafghanistan übernommen. Derzeit versehen mehr als 4500 Bundeswehrsoldaten in der Nordregion ihren Dienst. Künftig werden Infanteriekräfte in so genannten Ausbildungs- und Schutzbataillonen (ASB) gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften in der Fläche präsent sein. In Mazar-e-Sharif wird ein Ausbildungs- und Schutzbataillon unter dem Kommando von Oberstleutnant Nikolaus Carstens ab Ende dieses Monats in den Einsatz gehen. Das Rückgrat des Verbandes bilden Soldaten vom Gebirgsjägerbataillon 232 in Bischofswiesen, verstärkt durch Pioniere aus Ingolstadt, Aufklärungssoldaten aus Füssen und einer Sanitätskomponente aus Leer in Ostfriesland. Insgesamt ist der Verband rund 670 Soldaten stark, unter ihnen auch mehr als 20 Frauen.

Lange Ausbildung

Beim Kfz-Marsch: die Fahrzeugkolonne der Gebirgsjäger (Quelle: Bw-aktuell/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Hinter den Soldaten liegt eine lange Vorausbildung, die Anfang September ihren Abschluss im Gefechtsübungszentrum des Heeres (GefÜbZ H) in der Letzlinger Heide fand. Begonnen hatte die Vorausbildung in Hinblick auf den schwierigen Einsatz in Afghanistan bereits vor mehr als einem Jahr mit Informationen aus erster Hand. Damals unterstützte ein afghanischer Offizier die Gebirgsjäger mit aktuellen Erkenntnissen. Die rund zwei Wochen im GefÜbZ H dienten nun als letzter Test vor dem Einsatz rund 5000 Kilometer fernab der Heimat.

Für den Kommandeur des ASB ist dies nicht der erste Einsatz. Der gebürtige Hamburger Carstens war in der Vergangenheit bereits mehrfach auf dem Balkan eingesetzt. Über die Tragweite seines gefährlichen Auftrags am Hindukusch ist sich der Oberstleutnant bewusst und betont, dass sie „etwas vollkommen Neues“ machen.

„Wir gehen nun in die Fläche“

Auf dem Truppenübungsplatz Letzlingen herrscht im September ein ganz anderes Wetter, als es in Afghanistan sein wird. Es nieselt leicht, der Herbst schickt mit Temperaturen im einstelligen Bereich seine ersten Vorboten. Auf dem Teufelsberg mitten auf dem Übungsplatz steht Carstens und beobachtet die Übung, die unter dem Oberbegriff „Hinterhalt“ steht. Er beobachtet die Abläufe aus der Distanz ganz genau. Er wirkt ruhig, gefasst und beginnt zu erzählen: „Mit dem Ausbildungs- und Schutzbataillon schlägt die Bundeswehr bei ISAF ein neues Kapitel auf. Wir gehen nun in die Fläche und damit zu den Menschen, um vor Ort für Sicherheit zu sorgen. Das ist eine vollkommen neue Dimension und bedeutet natürlich zunächst auch ein erhöhtes Gefährdungspotenzial für die Soldaten.“

Die Frauen und Männer, die ihn in den Einsatz begleiten werden, liegen dem 41-Jährigen besonders am Herzen: „Mein Einsatz ist dann erfolgreich, wenn ich ein kleines Stückchen dazu beitrage, Afghanistan sicherer zu machen, und wenn alle Soldaten wieder heil nach Hause zurückkehren.“

Sechs Monate Einsatz warten

Am Hindukusch wartet auf den Großteil der Soldaten ein rund sechsmonatiger Einsatz im Ausbildungs- und Schutzbataillon, bei dem es noch viele unbekannte Größen gibt. So hat der Oberstleutnant seinen afghanischen Counter-Part vor Ort bislang noch nicht kennengelernt. Das „Partnering“ bedeutet, dass die afghanischen Streitkräfte ähnliche Verbände aufstellen. Gemeinsam mit den deutschen Gebirgsjägern werden dann die Aufträge Seite an Seite erledigt. In der Zielvorstellung sollen dann die afghanischen Sicherheitskräfte die Räume selbst übernehmen und so zu einer Stabilisierung des Landes beitragen.

Die Bundeswehr hat in den vergangenen Jahren mit den Operational Mentoring and Liaison Teams (OMLT) in Afghanistan bereits gute Erfahrungen gesammelt. Die neuen Ausbildungs- und Schutzbataillone stellen die logische Konsequenz der Fortführung der Strategie dar.

Partner auf Augenhöhe

Kommandeur des ASB: Oberstleutnant Nikolaus Carstens (Quelle: Bw-aktuell/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Auf dem Truppenübungsplatz läuft bei der Übung nicht alles so, wie es sich der Bataillonskommandeur vorstellt. Daher absolvieren sie einen Übungsabschnitt auch schon einmal mehrfach. Denn es gilt, die Soldaten zwar auf „worst-case“ Szenarien vorzubereiten, ihnen aber zugleich das notwendige Handwerkszeug und ein gutes Gefühl mit auf den Weg zu geben, erfolgreich im Einsatz bestehen zu können. Bei der anschließenden Übungsbesprechung sagt er zu den Soldaten, dass sie keine Besatzer in Afghanistan seien. „Mit den afghanischen Streitkräften haben wir einen Partner auf Augenhöhe. Am Ende müssen die Afghanen die Aufgabe komplett übernehmen. Wir unterstützen sie dabei!“

Die vorgeschobene Operationszentrale des Bataillons kann bis zu 150 Kilometer abseits des Feldlagers aufgebaut werden. Sie sorgt dafür, dass sich die Einheit autark versorgen kann. Denn es ist vorgesehen, dass der Verband mehr als 30 Tage abseits des Feldlagers einsatzfähig ist.

Nähe sorgt für Vertrauen

An einer anderen Ausbildungsstation beobachtet Carstens wenig später die Soldaten beim Umgang mit improvisierten Sprengfallen (Improvised Explosive Device – IED). Hier sind primär Fähigkeiten der Pioniere gefordert, die den Weg in die Tiefe des Raumes frei machen sollen. „Wir sind durch unsere starke Pionierkomponente in unserem Ausbildungs- und Schutzbataillon dazu befähigt, weit außerhalb der Feldlagergrenzen zu operieren und aus unserer vorgeschobenen Basis zu arbeiten“, sagt Carstens. Und weiter: „Wir sind dann da, wo es darum geht, die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen. Denn nur die Nähe sorgt dafür, dass wir Kommunikation und Vertrauen aufbauen können.“

Danach kehrt der Kommandeur zu seinem Stab auf dem Übungsplatz zurück, der bereits hier seine Arbeitsgliederung für den Einsatz eingenommen hat. Dazu gehört auch Oberfeldwebel Nancy K., die im Bereich der Materialbewirtschaftung dafür sorgen wird, dass es zu keinen Versorgungsengpässen kommt. Die Soldatin wird bereits zum zweiten Mal im Feldlager Mazar-e-Sharif eingesetzt und kennt daher auch die Besonderheiten vor Ort. „Sicherlich ist das eine gewaltige Umstellung. Mit einem gesunden Respekt an die Sache heranzugehen kann sicherlich nicht schaden“, betont Oberfeldwebel Nancy K.. Und mit Blick auf die Rolle der Frauen in der afghanischen Gesellschaft sagt sie, dass für sie als Frau die Zusammenarbeit mit dem afghanischen Counter- Part noch eine weitere Herausforderung sei.

Erste Soldaten sind bereits vor Ort

Wenig später sitzt der Oberstleutnant in seinem spartanisch eingerichteten Büro im Feldlager auf dem Übungsplatz und fasst abschließend zusammen: „Irgendwie sehe ich das auch als eine Art von Intercultural Management. Auch wenn ich den afghanischen Kommandeur, mit dem ich Seite an Seite unterwegs sein werde, noch nicht kenne, so gehe ich doch davon aus, dass wir Erfolg haben werden. Meine Soldaten und ich sind jedenfalls hoch motiviert.“

Die ersten Soldaten aus Bischofswiesen im Berchtesgadener Land sind bereits jetzt vor Ort, vollzählig wird der Verband dann Ende Oktober in Mazar-e-Sharif sein. Das Einsatzende für die Soldaten dieses Ausbildungs- und Schutzbataillons ist für März kommenden Jahres geplant.

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: Christian Flühr


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