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Im Interview: Der Kommandeur des Unterstützungsbataillons KFOR

Oberstleutnant Andreas Pickel ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Töchter. Seit Oktober 2009 ist er Kommandeur des Logistikbataillons 4 in Roding. Seit Januar dieses Jahres führt er im Kosovo als erster Kommandeur einen Verband mit neun unterschiedlichen Kompanien, der die gesamten Einsatzunterstützungsleistungen für die Multinational Battle Group South leistet.

Oberstleutnant Andreas Pickel (Quelle: Heer/Gerhard H. Fahn)Größere Abbildung anzeigen

Herr Oberstleutnant, Sie sind nun seit mehr als 100 Tagen hier im Einsatz. Sie sind Kommandeur eines „Gemischtwarenladens“, wie General Hofmeyer bei der Übergabe anmerkte. War das eine besondere Herausforderung für Sie?

Anfänglich schon. Es ist ja ein gravierender Unterschied, ob man als Kommandeur Soldatinnen und Soldaten seiner Truppengattung, also wie ich am Heimatstandort in Roding „nur“ Logistiker“ führt, oder wie hier den gesamten „Fähigkeitsstrauß“ der Einsatzunterstützung, unter anderem auch Feldjäger und Fernmelder, Aufklärer oder auch Einsatzkräfte. Dabei kommt hinzu, dass mir einige Teile nur truppendienstlich, wie zum Beispiel die Elektronische Kampfführung (EloKa), die Einsatzkompanie (EinsKp) oder auch die Multinationale Logistic Unit (MNLU), die anderen Teile fachlich und truppendienstlich unterstellt sind. Da ich aber als Kommandeur für die Fürsorge aller Soldatinnen und Soldaten verantwortlich bin, ist dies auch schwer zu trennen. So wie es nun einmal meine Art ist, habe ich mir immer, wo es erforderlich war, die Freiheit herausgenommen, mich in die Auftragsdurchführung aller meiner neun Kompanien einzubringen. Das bin ich allen Soldatinnen und Soldaten auch schuldig. Zusammenfassend, aufgrund der hochprofessionellen Arbeitsweise in allen Bereichen und der hervorragenden Kommunikation, die wir auf allen Ebenen und über allen Ebenen pflegten, ist der „Gemischtwarenladen“ von fast 1.000 Soldatinnen und Soldaten auch führbar und es macht mich stolz, diesbezüglich auch aus allen Bereichen ausschließlich positives „feedback“ erhalten zu haben.

Ihre täglichen Befehle werden immer mit Spannung erwartet, weil Sie ernste Botschaften humorvoll verpacken. Werden diese Befehle immer richtig verstanden?

Ja, auf alle Fälle. Ich denke, dass diese Botschaften wesentlich besser ankommen, als irgendwelche „kalten“ Befehle und Weisungen. Bei den Kameradinnen und Kameraden, die ich persönlich in meinen Bemerkungen adressiere, weiß ich auch, wie Sie mich zu verstehen haben. Die ganze Sache ist eigentlich spontan entstanden. Als die Resonanz der „Spieße“, der Vertrauenspersonen durchweg positiv war, habe ich mich entschlossen, meine Absicht, meine Dienstaufsichtsbemerkungen in dieser Form in regelmäßigen Abständen weiterzugeben.

Welches Ereignis, außer den vielen Besuchern, war Ihre interessanteste Erfahrung hier im Einsatz? Haben Sie durch den Einsatz neue Sichtweisen bekommen?

Zuhause neigt man ja dazu, über alles und jeden bei geringstem Anlass zu lästern, auch innerhalb der Familie. Wenn man aber sieht, mit welchen Herausforderungen die Menschen, insbesondere die Kinder - bei uns fährt man die Kinder schon bei einem Schulweg von über 300 Metern mit dem Auto zur Schule – hier laufen die Kleinsten kilometerweit zur Schule - zu kämpfen haben, und mit welcher Gelassenheit sie dies alles hinnehmen, wie versucht wird, mit nun vereinten Kräften das Land aufzubauen, hat mich das sichtlich beeindruckt. Ich werde nun auch zuhause alles ein klein wenig lockerer angehen, gelassener sehen und nicht gleich bei jeder Kleinigkeit „die Wände hochlaufen“. Positiv in Erinnerung bleibt mir vor allem auch der Tag der Offenen Tür des Loyola-Gymnasiums, als uns die Schüler und Schülerinnen, ich denke stellvertretend für alle Kinder, aufrichtig für die in den vergangenen Jahren geleistete Unterstützung dankten. Auch am 30. April, als uns im Rahmen einer Weiterbildung der Instandsetzungskompanie Schülerinnen und Schüler in der Nähe der Ortschaft Velika Hoca einen Tanz vorführten, wurde mir deutlich, wie die Kinder nun hier Hoffnung auf gegenseitige Toleranz und ein besseres Leben haben. Und die Kinder sind schließlich die Zukunft des Landes. Bedrückend für mich war die Besichtigung der ehemals serbischen Siedlung in Kijevo. Zerstörte Häuser und serbisch-orthodoxe Kirchen ist man ja leider gewöhnt, aber dass der dortige serbisch-orthodoxe Friedhof nun als Müllhalde benutzt wird, das heißt auf den Grabsteinen stapelte sich all der Unrat der Dorbewohner, hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt. Zumindest die Toten sollte man in Frieden ruhen lassen!

Wie viele Hände haben Sie bei den Medaillenvergaben schon geschüttelt und wie viele warten noch darauf?

Nach Durchführung der Medaillenvergaben der Teile im Feldlager Airfield, der Feldlagerbetriebskompanie, der Fernmeldekompanie sowie der Feldjägereinsatzkompanie dürfte ich rund 600 Hände geschüttelt haben, weitere 200 werden noch folgen. Die Stabs- und Versorgungskompanie folgt ja erst Anfang Juli. Aber dies alles ist für mich ja nicht eine lästige Pflicht. Ich möchte mich persönlich bei jedem und jeder Einzelnen für die gezeigten Leistungen und die gute Zusammenarbeit bedanken. Da ich mit vielen dann auch ein kleines „Schwätzchen“ halte, dauert es halt ein klein wenig länger.

Sie haben sich am 8. Mai in einer längeren Ansprache über Radio Andernach an Ihre Soldaten gewandt. Was hat Sie dazu bewogen?

Bei fast 1.000 Soldatinnen und Soldaten, verteilt über sechs Feldlager, ist es natürlich nicht möglich, sich im Rahmen eines Bataillonsantretens bei allen in einem würdigen Rahmen zu verabschieden. Es war mir aber schon wichtig, dass angesichts des anstehenden Kontingentwechsels alle aus dem Munde des Kommandeurs, also quasi aus erster Hand, nochmals meine persönliche Bewertung unserer gezeigten Leistungen, den Grad unserer Auftragserfüllung, aber auch einige Hinweise für die Rückkehr hören. Dies war über Radio Andernach die für mich bessere Möglichkeit, als in einem eher unpersönlichen Tagesbefehl. Die hohe Nachfrage nach einem Mitschnitt des Beitrages zeigt mir, dass dieser Weg der Richtige war.

Was möchten Sie den Lesern der MAZ & More -Feldlagerzeitung auf diesem Wege noch mitteilen?

MAZ & More wird ja auch gerne in der Heimat interessiert gelesen. Ich möchte gerade diesen Lesern nochmals verdeutlichen, welche hervorragende Arbeit hier bei KFOR geleistet wird. Dass derzeit wieder nur etwaige „Vulkanaschewolken“, Finanzkrisen, Koalitionsverhandlungen oder Ölunfälle im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen, finde ich insgesamt bedauerlich und wird den Leistungen von uns Soldatinnen und Soldaten nicht gerecht. Nur über die Bundeswehr zu berichten, wenn etwas vermeintlich schief gelaufen ist, oder es Tote oder Verwundete gibt, aber nicht darüber, wenn positive Ereignisse dies rechtfertigen, ist für mich als militärischer Führer von knapp 1.000 Soldaten im Einsatz, aber auch im Heimatstandort nur schwer begreiflich. Ich kann nur alle auffordern wo und wann immer möglich, ob im dienstlichen oder im privaten Bereich, von der „Erfolgsgeschichte KFOR“ zu berichten.

Das Gespräch führte Gerhard H. Fahn.

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: Gerhard H. Fahn


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