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„Man muss durch Leistung überzeugen, nicht durch große Worte“

Wildflecken / Bad Reichenhall, 20.06.2008.
Sie hat eine eigene Uniform, bayerische Traditionen sind fest eingebunden und die Gipfel der Alpen sind ihre Heimat. Die Gebirgsjägerbrigade 23 „Bayern“ aus Bad Reichenhall ist ein besonderer Heeresverband innerhalb der Bundeswehr. Doch die Gebirgsjäger sind mehr als heimatverbundene Gipfelstürmer. Als Truppenteil der 10. Panzerdivision, ausgerichtet an den Strukturen des „Neuen Heeres“, ist die Brigade ein moderner Einsatzverband der Stabilisierungskräfte des Deutschen Heeres. Der Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegeneral Erich Pfeffer, spricht während der Übung „Goldener Schild 2008“ in Wildflecken im Interview über Traditionsbewusstsein und Auslandseinsätze, über die Vergangenheit und die Zukunft.

Brigadegeneral Pfeffer während der Übung.
Brigadegeneral Pfeffer während der Übung (Quelle: Heer/PIZ)Größere Abbildung anzeigen

Herr General, Sie sind gebürtiger Bayer und Gebirgsjäger durch und durch. Was bedeutet es für Sie, Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 zu sein?
Es ist natürlich so, dass man in dieser Aufgabe in so einer großen Brigade gefordert ist. Aber wenn man seinen Dienst als Soldat in der Brigade begonnen hat und sämtliche Führungsverwendungen durchlaufen hat, ist diese Aufgabe des „Obergebirgsjägers“ eine Berufung.

Die Gebirgsjägerbrigade 23 hat vor wenigen Tagen den Beinamen „Bayern“ bekommen und gleichzeitig ihr 50-jähriges Bestehen feiern können. Was bedeutet das für die Brigade in Bezug auf Traditionsbewusstsein und Verankerung in der Gesellschaft?
Die Tatsache, dass wir den Beinamen „Bayern“ bekommen haben, ist für uns, für alle Soldaten und Angehörigen, eine ausgesprochen große Ehre. Es ist aber gleichzeitig auch eine Verpflichtung, den positiven Ruf, den Bayern hat, als Gebirgsjäger im Inland und im Ausland zu vertreten. Ich glaube, dass alle Soldaten und Angehörigen der Brigade auf diesen Beinamen stolz sind, ich muss aber auch sagen, dass wir keinen Alleinvertretungsanspruch mit diesem Namen verbinden. Es gibt schließlich noch andere Truppenteile in Bayern.

Zur Geschichte der Gebirgstruppe gehört auch die Auflösung der 1. Gebirgsdivision. Wie haben Sie die Auflösung in Garmisch-Partenkirchen miterlebt? Was haben Sie damals gefühlt?
Die Auflösung der 1. Gebirgsdivision war ein Vorgang, der für einen Gebirgssoldaten nicht einfach ist, noch dazu wenn man, wie ich, viele Jahre in dieser Division gedient hat. Ich habe zu denen gehört, die 1994 die Tür in Garmisch-Partenkirchen zugesperrt haben. Die Division wurde damals mit einem Großen Zapfenstreich würdig verabschiedet. Mit der späteren Fusionierung mit dem Wehrbereichskommando IV in München und der folgenden vollständigen Auflösung ist eine Tradition entstanden, die wir jetzt pflegen und aufrecht erhalten. Die Struktur der Bundeswehr ist an den neuen Aufgaben ausgerichtet und die Gebirgstruppe hat sich dem angepasst.

Ab Herbst verlegt Ihre Brigade auf den Balkan und nach Afghanistan. Sehen Sie die Brigade ausreichend vorbereitet?
Ich bin sehr zufrieden, was die Vorbereitung der Einsätze angeht und was die Umsetzung aller Vorgaben angeht, um die Ausbildungsziele zu erreichen. Wir haben gute Ausbildungsbedingungen auf der einen Seite, auf der anderen Seite haben wir sehr motivierte Soldaten. Ich bin meinen Kommandeuren und Chefs auf allen Ebenen sehr dankbar für die Initiative, die sie hier ergreifen und das Engagement, das sie hier zeigen, um eine optimale Vorbereitung zu erreichen. Es gehört noch ein zweiter Aspekt zu einer guten Vorbereitung. Die Soldaten brauchen vor dem Einsatz Ruhephasen, um motiviert in den Einsatz zu gehen. Mit dem Umfang unserer Maßnahmen sind die Soldaten gut vorbereitet.

Was raten Sie, als Kommandeur, Vorgesetzter und erfahrener Soldat jungen Soldaten, bevor diese in ihren ersten Auslandseinsatz gehen?
Soldaten, die das erste Mal in den Einsatz gehen, rate ich im Regelfall zwei Dinge. Sie müssen sich intensiv mit dem, was auf sie zu kommt, auseinandersetzen. Sie sollten mit einsatzerfahrenen Soldaten über das, was sie erwartet, über die Einsatzbedingungen, sprechen, damit sie möglichst wenige Überraschungen erleben. Zum anderen müssen sie sich persönlich vorbereiten und damit meine ich das private Umfeld. Das geht von der Regelung der finanziellen Angelegenheiten bis hin zu unangenehmen Dingen wie das Schreiben des Testaments. Diese zwei Aspekte, das Auseinandersetzen mit dem Einsatz und das Regeln des privaten Umfeldes, gehören zu den wichtigen Vorbereitungen.

Modernste Technik im Brigadegefechtsstand.
Modernste Technik im Brigadegefechtsstand (Quelle: Heer/PIZ)Größere Abbildung anzeigen

Welche Chancen und Möglichkeiten bieten sich Ihnen und Ihrer Brigade hier bei der Übung „Goldener Schild 2008“?
Hier haben wir die hervorragende Möglichkeit zwei Dinge zu üben: Die Verfahren der Stabsarbeit innerhalb der Brigade sowie in andere Ebenen hinein und die inhaltliche Auseinandersetzung mit Einsatzszenarien, wie sie in Stabilisierungsoperationen vorkommen. Das Einsatzszenario ist hier angelehnt an die in Afghanistan und im Kosovo. Hier gibt es die Möglichkeit Bilder und Szenarien wie im Einsatz zu sehen und darauf zu reagieren und die richtigen Entscheidungen zu fällen.

Sehen Sie die Übung überhaupt als Chance oder eher als zusätzliche Belastung für die Soldaten?
Die Übung selbst ist beides. Sie ist eine Chance und gleichzeitig Belastung, das ist keine Frage. Die Soldaten sind hier zwischen zwei und vier Wochen gebunden. Die Chance aber ist insgesamt größer, weil im Gesamtkonzept der Übung hervorragende Möglichkeiten stecken. Möglichkeiten, die wir zuhause ohne weiteres nicht haben.

Die Gebirgsjägerbrigade 23 wird gern als eine Elite-Einheit der Bundeswehr bezeichnet. Wo sehen Sie die besonderen Fähigkeiten, die Ihre Brigade von anderen unterscheiden?
Auch wenn die Gebirgsjägerbrigade 23 immer wieder als Elite-Einheit bezeichnet wird, muss ich persönlich sagen, dass ich den Begriff „Elite“ nicht so sehr schätze. Der Begriff hat für mich den Beigeschmack, dass ich von oben auf andere herabblicke. Darum kann es nicht gehen. Es kann nur darum gehen, mit der eigenen Leistung in den Spiegel schauen zu können, also durch Leistung zu überzeugen und nicht durch große Worte. Wir sind befähigt, im schwierigsten Gelände eingesetzt zu werden und unter extremen Klima- und Witterungsbedingungen. Das erfordert den angemessenen Umgang mit dem Risiko für Leib und Leben schon in der Ausbildung. Das ist unsere Herausforderung, aber auch unsere besondere Befähigung, die uns auch etwas stolz macht.

Es heißt, ein Soldat in Ihrem Dienstgrad und Ihrer Position ist immer im Dienst. Was machen Sie, wenn Sie einmal weniger im Dienst sind?
Dann gehe ich meinen Hobbies nach. Zu meinen Hobbies gehört nahezu alles, was man im Gebirge machen kann. Da fühl ich mich dann auch ganz bewusst außer Dienst. Ich habe dann das Gefühl, wirklich abschalten zu können, wie zum Beispiel beim Skifahren. Ich würde es gern öfter machen, als ich derzeit kann, aber ich bin für jeden Tag dankbar, an dem ich meinen Hobbies nachgehen kann.

Haben Sie einen Tipp für die Fußball-Europameisterschaft?
Das ist natürlich schwierig. Ich bin kein Fußballexperte. Vor dem Hintergrund des bisherigen Verlaufs bin ich nicht der größte Optimist, was die deutsche Mannschaft angeht. Nichts desto trotz drücke ich ihr die Daumen. Allerdings gibt es noch andere Mannschaften, die den Titelanspruch unserer Mannschaft streitig machen, wie Spanien, die Niederlande und Italien, die man nicht unterschätzen sollte.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: Daniel Litzinger


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